Stadtumbau
Lernen vom Abriss Ost

In Berlin Marzahn sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Plattenbauten der Abrissbirne zum Opfer gefallen. Rückbau nennen das die Politiker in der Hauptstadt. Doch auch im Westen gibt es Bauten, die das Stadtbild nicht gerade zieren. Was einige problematische Viertel im Westen der Republik vom Abriss Ost lernen können.

GELSENKIRCHEN. Ückendorf hat schon deutlich bessere Zeiten erlebt. Von den Fassaden der ehemals stolzen Bürgerhäuser aus der Gründerzeit bröckelt der Putz, Birken wachsen aus den Dachrinnen. Viele Häuser hat seit Jahren kein Mensch mehr betreten. Schilder mit der Aufschrift „Zu vermieten“ sind oft die einzige Auslage in den Schaufenstern der Ladenlokale. So hat es in den meisten Städten der neuen Länder vor ein paar Jahren ausgesehen.

Doch Ückendorf liegt tief im Westen. Ückendorf ist ein Stadtteil von Gelsenkirchen. Die Stadt bemüht sich – mit finanzieller Unterstützung des Landes und des Bundes –, den weiteren Verfall zu stoppen. Der Gelsenkirchener Stadtteil steht auf Augenhöhe mit problematischen Vierteln im Osten Deutschlands. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) machte sich jetzt bei seiner Sommerreise ein Bild von urbanen Krisenregionen.

Der Bund hat Instrumente zur Hand, die helfen sollen, die größte Not zu lindern: Die Programme heißen „Soziale Stadt“, „Stadtumbau Ost“ und „Stadtumbau West“. Hinzu kommen Programme der Länder, oft auch beträchtliche Mittel von Wohnungsbaugesellschaften. Vor Ort wird entschieden, was dem Viertel guttun könnte. „Wir wissen mittlerweile, dass es die Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf nicht nur im Osten, sondern auch im Westen gibt“, sagt Tiefensee und fügt hinzu: „Bei der Frage, wie man mit diesen Stadtteilen umgeht, kann der Westen viel vom Osten lernen.“

Zum Beispiel von Berlin-Marzahn. „Stadtumbau Ost“ – das heißt dort zu einem großen Teil Rückbau. Und Rückbau ist der Begriff, den Politiker und Verwaltungsleute benutzen, wenn sie Abriss meinen. Zwischen 1977 und 1987 entstanden in Marzahn 60 000 Wohnungen in Plattenbauten. Zu DDR-Zeiten waren die Wohnungen begehrt. Seit Jahren nehmen demografische Entwicklung und problematische Wirtschaftsstruktur Marzahn in die Zange. Die Leerstandsquoten sind hoch. Mehrere Plattenbauten wurden deshalb bereits abgerissen. Andere wurden horizontal halbiert: Von elf Geschossen blieben drei-, vier-, fünf- oder sechsgeschossige Gebäude. Aus rechteckigen Klötzen entstand eine abwechslungsreiche Häuserlandschaft – mit einer Mischung aus Miet- und Eigentumswohnungen, Terrassen, Balkonen und Gärten.

Kann Ückendorf von Marzahn lernen? Ja, denn auch hier gibt es den Hochhauswohnungsbau der 70er-Jahre, der im Westen kaum besser ausfiel als im Osten. In Ückendorf zählt die Wohnanlage Tossehof zu den Bausünden. Zehngeschossige Gebäude, gehüllt in grün-braune Eternit-Verkleidung. Stadt und städtische Wohnungsbaugesellschaft haben sich entschlossen, einige Gebäude ganz abzureißen. Andere werden deutlich gestutzt. Stadtdirektor Michael von der Mühlen spricht von einer „punktuellen, sehr intensiven Intervention baulicher Art“.

Doch die baulichen Probleme sind nur das Symptom des Verfalls. Tiefensee sagt das so: „Es geht darum, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu organisieren.“ Dafür stehen die Mittel des Programms „Soziale Stadt“ zur Verfügung. Quartiermanager gehen auf die Bevölkerung zu, versuchen, gesellschaftliches Leben zu entwickeln. An dieser Stelle unterscheiden sich die Probleme im Osten von denen im Westen beträchtlich.

In Ückendorf haben 80 Prozent der Schüler, die die dort die Gesamtschule besuchen, einen Migrationshintergrund. Viele können schlecht Deutsch. In Ückendorf setzt man auf musische Bildung und auf gezielte Hilfen beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. In Marzahn ist die demografische Situation anders. Der Anteil älterer Menschen steigt rasant, Ausländer dagegen bilden eine Minderheit. Hier wollen die Menschen beraten und betreut werden, brauchen Hilfe bei Behördengängen und Angebote für die Freizeitgestaltung.

Tiefensee zeigt sich überzeugt, dass das Thema „Soziale Stadt“ in Zukunft einen hohen Stellenwert gewinnen wird. Er sichert zu, dass das Programm über das Jahr 2009 hinaus fortgeführt wird. Derzeit werden 700 Projekte in 350 Gemeinden gefördert – mit steigender Tendenz.

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