Studie widerlegt Vorurteil
Von wegen alt und abgeschrieben

Dass Menschen ab 50 Jahren im Berufsleben schwer vermittelbar sind, gilt als Fakt. Deshalb hatte Arbeitsminister Franz Müntefering kürzlich auch angeregt, Arbeitgebern etwas dazuzuschießen, wenn sie ältere Arbeitslose einstellen. Doch laut einer Studie ist die Grundannahme falsch.

HB FRANKFURT. Über die Untersuchungen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) berichtete die „Berliner Zeitung“ am Wochenende. Dabei ergab sich dem Bericht zufolge: Bei fast der Hälfte aller Stellen, für die sich ältere Arbeitnehmer bewarben, bekamen die über 50-Jährigen auch den Zuschlag.

Die IAB-Studienergebnisse aus den Jahren 2004 und 2005 beziehen sich der „Berliner Zeitung“ zufolge auf eine repräsentative Befragung von fast 16 000 Betrieben aller Branchen und Größenklassen, die seit 1993 in West- und seit 1996 auch in Ostdeutschland durchgeführt wird. Die Firmen gaben laut dem Bericht an, dass bei der Besetzung von freien Stellen in 74 Prozent der Fälle gar keine Bewerbungen von Personen über 50 Jahre vorlagen. Bei 26 Prozent bewarben sich Ältere. In zwölf Prozent der Fälle erhielten sie auch die Zusage.

IAB-Arbeitsmarkt-Experte Lutz Bellmann, Mitverfasser der Studie, sagte dem Blatt, dass zwar die Großunternehmen die öffentliche Wahrnehmung bestimmten, aber vor allem kleine und mittlere Firmen wenig Scheu vor älteren Mitarbeitern hätten. Im Gegenteil: Dort würden die Erfahrungen der über 50-Jährigen sehr geschätzt. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Bundesagentur für Arbeit, Peter Clever, stimmt dem zu: „Die Studie zeigt, dass die gefühlte Chancenlosigkeit Älterer so gar nicht stimmt. Bewerbungen sind nicht umsonst, da offenbar in kleinen und mittleren Betrieben das Alter als Einstellungsgrund keine oder nur eine geringe Rolle spielt.“

Skepsis gegenüber Müntefering-Vorschlag

SPD-Chef Beck sagte der „Bild am Sonntag“, Münteferings so genanntes Kombilohn-Modell für Ältere könne in bestimmten Branchen funktionieren, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Man müsse aber sehr darauf achten, dass reguläre Jobs nicht zu Niedriglohn-Jobs gemacht würden und dann der Staat bezahle.

Kritik äußerte auch Bert Rürup, Vorsitzender des Sachverständigenrates. „Wenn man bestimmte Gruppen von Arbeitslosen begünstigt, ist oft ein Drehtüreffekt die Folge: Die Arbeitgeber entlassen Arbeitnehmer, um die geförderten Arbeitslosen einzustellen“, wird er in der „Wirtschaftswoche“ zitiert.

Als Erfolg versprechender bezeichnete Rürup eine Lockerung des Kündigungsschutzes. „Internationale Untersuchungen zeigen: Länder mit liberalerem Kündigungsschutz haben nicht unbedingt ein höheres Beschäftigungsniveau, aber deutlich weniger Langzeitarbeitslose.“ Beck lehnte eine Lockerung des Kündigungsschutzes strikt ab und verwies auf entsprechende Koalitionsvereinbarungen.

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