Syrien-Krieg
Die Lektion einer Flucht

Vor einem Jahr kam der Journalist Mahmoud Serhan nach Deutschland. Wie ein Kirschbaum für ihn zu einem Symbol der Hoffnung wurde. Eine Kolumne über seine Zeit in der Bundesrepublik.

BerlinIch kam Ende 2014 nach Deutschland. Es war mitten in der Nacht, es war so kalt, und ich fror, als ich im Taxi saß, auf dem Weg zu meiner neuen Bleibe. Die Stadt war so ruhig, die Geschäfte waren geschlossen, die Straßen leer, Berlin schlief. Es kam mir so vor, als seien der Taxifahrer und ich die einzigen wachen Menschen in dieser Nacht.

Als wir im Camp ankamen, begrüßte mich der Wachschutz mit einem Lächeln und brachte mich zu meinem Zimmer. Ich erinnere mich: In dieser Nacht habe ich nicht mehr als drei Stunden geschlafen, die meiste Zeit starrte ich zu einem Fenster, durch das das Licht benachbarter Häuser fiel.

Ich versuchte mich zu beruhigen, dass ich überlebt hätte und sicher sei. In den folgenden Monaten, immer wenn ich von meinem Zimmer aus die kahlen Bäume im Garten beobachtete, hing ich meinen Gedanken über meine Heimat Syrien nach.

Überall sind nun meine Landsleute, hier in Deutschland, in den Nachbarländern, wenn sie nicht auf der Flucht über das Meer gestorben sind. Doch niemand von uns weiß, ob und wann der Krieg endet, ob wir irgendwann einmal in unserer Heimat in Freiheit leben können oder weiterhin auf der Flucht sein müssen.

Für mich ist die wichtigste Frage, ob wir überleben. Denn manchmal zerstört ein Krieg nicht nur Länder und tötet unschuldige Menschen, sondern verfolgt auch die Flüchtenden immer weiter, indem er ihre Hoffnungen zerstört.

Als es Frühling wurde, kam Leben in die kahlen Bäume – und für mich die Antwort auf meine Frage. Einer der Bäume, ein Kirschbaum, fiel mir besonders auf, weil sich seine Früchte, die im Laufe des Sommers reiften, dunkelrot färbten.

Kinder kletterten auf seine Äste, um sich die Kirschen zu holen, viele Zweige brachen ab, und ich dachte schon, davon würde sich der Baum nie mehr erholen. Wir Erwachsenen stoppten das Treiben der Kinder, und er erholte sich. Schon ein paar Wochen später erinnerte nichts mehr an den geschundenen Baum.

Das gibt mir Hoffnung. Hoffnung insofern, dass auch wir Syrer, die wir vor aus der Heimat vor dem tyrannischen Regime und der Terrormiliz IS geflohen sind, überleben können. Das setzt aber voraus, dass wir unsere eigenen Früchte – und damit meine ich das, was wir uns hier aufbauen – aktiv schützen müssen. Das war meine erste Lektion, die ich hier in Berlin mit den roten Früchten gelernt habe.

Aufgezeichnet von Silke Kersting.

Mahmoud Serhan ist ein palästinensischer Journalist, der lange Zeit in Syrien gearbeitet hat. Er absolviert derzeit ein Praktikum in der Berliner Redaktion des Handelsblatts.

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