Tagebuch eines syrischen Journalisten, Teil 4
Die Wandlung der Flüchtlinge

Mein Name ist Yahya Alaous. Ich bin Syrer, bald 42 Jahre alt, habe eine Frau und zwei kleine Mädchen. Heute lesen Sie in meiner Kolumne: Warum die Schutzsuchenden alle Kraft für ihre Integration aufwenden müssen.

BerlinYahya Alaous ist syrischer Journalist und derzeit Mitarbeiter in der Berliner Handelsblatt-Redaktion. Wieso er sich eine neue Wohnung nur unter der Hand besorgen konnte und warum viele Syrer Kanzlerin Angela Merkel als Volksheldin verehren, lesen Sie ab sofort in einer Kolumne. Heute: Teil 4.

Viele Flüchtlinge habe ich getroffen, die wenige Stunden nach ihrer Ankunft in Deutschland überglücklich waren. Sie fühlten sich endlich sicher, aber auch überwältigt von den vielen neuen Eindrücken. Sie schauten sich ihre neue Umgebung verwundert an. Doch nach einigen Wochen schon verhielten sich dieselben Menschen anders. Unsicherheit und Fremdheit gehen verloren.

In Syrien unterhalten sich die Menschen so laut, dass ich meine Nachbarn, die zwei Häuser weiter wohnen, noch höre. Hier höre ich Syrer auf der Straße mit leiser Stimme flüstern, so wie es die Deutschen tun. Ich habe junge Flüchtlinge gesehen, die Frauen geholfen haben, den Kinderwagen in den Bus zu tragen, oder andere, die alten Menschen ihren Platz in der U-Bahn anbieten. So wie es viele Deutsche tun.
Anpassung findet statt. Unbewusst, aber permanent. Die deutsche Gesellschaft schafft es, ihre Verhaltensweisen und Werte weiterzugeben.

Beim Lageso, der Erstaufnahmestelle in Berlin, waren die ersten Tage hart für die Flüchtlinge. Sie mussten auf dem Boden schlafen ohne Essen und Trinken. Sie haben angefangen zu protestieren, so wie in ihrer Heimat, laut und teilweise aggressiv. Ich bin noch häufig beim Lageso, die Stimmung ist nun eine andere. Die Protestler haben angefangen, ihren Unmut anders zu artikulieren. Sie schreiben Beschwerden, sie diskutieren, sie bestehen auf einer schnelleren Bearbeitung ihrer Dokumente. Sie kämpfen mit der Bürokratie, wie es auch viele Deutsche in den Ämtern tun.

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