Talk bei Maybritt Illner
Vom „Fetisch“ der Schwarzen Null

Es war eine seltsame Sendung, die Maybrit Illners Diskussion über eine mögliche Wirtschaftskrise bot. Die streitbaren Gäste überraschten dabei auf eine andere Art als Moderatorin und Zuschauern lieb gewesen sein kann.
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BerlinFalls es ein rein schriftliches Gesprächsprotokoll von Maybrit Illners Talkshow mit dem Titel „Der Traum vom Wirtschaftswunder – bitteres Erwachen für Deutschland?“ gibt, müssten Leser den Eindruck haben, dass es ganz schön hoch hergegangen ist.

Es fielen Äußerungen wie: Der einzelne könne angesichts der zurückgenommenen Wachstumsprognose nicht viel mehr tun, „als schon mal zwei neue Löcher in den Gürtel bohren“. Ja, die Bürger hätten „das Gefühl, sie sind auf der Geisterbahn“. Allein durch die minimalen Zinsen verlören deutsche Sparer „40 Milliarden Euro an Kaufkraft pro Jahr“, und die Europäische Zentralbank (EZB) sowie „jener Italiener mit dem schönen Namen Draghi“ betrieben „Politik für die Länder des Südens“, „für marode Staaten und marode Banken“.

Hierzulande sei die der schuldenfreie Haushalt, die Schwarze Null, für die vor allem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble – manchmal mit euphorisiertem Lächeln überlebensgroß im Studiohintergrund eingeblendet – kämpft, „zu einem Fetisch geworden“. So isoliert, wie wir daher zurzeit „in der ganzen Welt“ dastehen, ist „Deutschland gerade als Geisterfahrer unterwegs“?

Wer die Show gesehen hat, weiß, dass es nicht hoch hergegangen ist. Alle zitierten Äußerungen kamen von der munter zupackenden Moderatorin Illner selbst, die ihre Gästerunde zum Streit anstacheln wollte. Das gelang jedoch nicht. Vielmehr trat eine ganz große Koalition sämtlichen Geisterbahn-Geisterfahrer-Ängsten entgegen.

Die allgemeine Besonnenheit konnte durchaus überraschen. Schließlich hat Illner gestählte Talkshow-Streiter eingeladen, die es souverän beherrschen, mindestens eine Minute mit stahlhartem Blick in konstanter Lautstärke weiterzureden, während andere Gäste und die Moderatorin ebenfalls reden.

Diese Qualität demonstrierten Hans Werner Sinn vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, die Linken-Parteivorsitzende Katja Kipping und Industrieverbands-Präsident Ulrich Grillo auch am Donnerstagabend. Bloß richtig streiten mochten sie nicht miteinander.

Es sei eben wie beim Fußball, sagte Grillo: „Gestern Weltmeister, heute kämpfen wir um die Qualifikation für die Europameisterschaft". Daran, dass Deutschland sich nicht qualifizieren könnte, glaubte im Studio offenkundig niemand.

Kommentare zu " Talk bei Maybritt Illner: Vom „Fetisch“ der Schwarzen Null"

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  • Was nützt denn uns eine "schwarze Null", wenn gleichzeitig die EZB nahezu wertlose Schrottpapiere für 1 Billion Euro aufkauft?
    Deutschland ist schließlich daran mit mindestens 27% beteiligt.

  • Illner schaue ich mir schon lange nicht mehr an. Seit ihrer Heirat des ehem VV kommt mir ihr Verhalten nur noch heuchlerisch vor.
    Die Zurückhaltung Sinns in den letzten Monaten ist auffällig und dürfte politischem Druck geschuldet sein. Auch er hängt schließlich am Tropf öffentlicher Aufträge.
    Das eigentliche Debakel um Währungsstabilität begann mit der Wiedervereinigung. Pöhl, einer der fähigsten Bundesbankpräsidenten, hatte sich erlaubt, Kohl zu kritisieren. Kohl rächte sich in gewohnter Manier durch unbotmäßige Einflussnahme in die Arbeit der BB, was zum Rücktritt Pöhls führte. Diese unglückselige Gängelung der BB durch die Politik besteht mE heute noch, ist aber seit Bestehen der EZB von untergeordneter Bedeutung. Bei der EZB scheinen deutsche Interessen kaum eine Rolle zu spielen und da versagt eigentlich nicht nur die Kanzlerin, sondern auch der Außen- und der Finanzminister! Draghi kauft als erstes italienische Ramschpapiere auf, das sagt doch schon alles.

  • Mich wundert, dass man einen H. Sinn immer noch in solche Sendungen lässt. Der lebt doch eh in seiner eigenen Welt, wo Paketfahrer für einen Stundelohn von 3,50 € bis zum 80. Lebensjahr arbeiten müssen.

    Als Spin-Doctor hat er sich spätestens da völlig lächerlich gemacht, als er mit seiner "Energiewende ins Nichts" eine Stunde den Bau von x-hundert Pumpspeicherkraftwerken als völlig unmöglich gegeißelt hat, da ihm offenbar niemand gesagt hatte, dass derartige Projekte weder geplant noch beabsichtigt noch von irgend einem Menschen in Deutschland als Möglichkeit ins Auge gefasst worden sind.

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