„Trauriger Zustand“
Weiterbildung auf Schrumpfkurs

Die IG-Metall beklagt den Rückgang von Weiterbildungsmaßnahmen in deutschen Unternehmen. Während die Gewerkschaften diesen Vorwerfen, es würden überwiegend bereits qualifizierte Mitarbeiter gefördert, sehen die Firmen das Problem eher bei den Arbeitnehmern.

BERLIN. Die deutsche Wirtschaft tut immer weniger für die Weiterbildung. Boten 1999 noch 75 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeitern entsprechende Maßnahmen an, waren es 2005 nur noch 69 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt am Montag mit. Gleichzeitig nahm zwar das Interesse der Beschäftigten zu. So machten 2005 mit 39 Prozent drei Prozent mehr Beschäftigte eine Weiterbildung als 1999. Doch liegt Deutschland damit im EU-Vergleich nur im Mittelfeld. Denn in anderen EU-Länder nahmen mehr als die Hälfte der Beschäftigten an Qualifizierungsmaßnahmen teil. „In anderen europäischen Staaten gibt es sogar Zuwächse, “ sagte der Präsident des Instituts für Berufsbildung, Manfred Kremer dem Handelsblatt. Dort werde stärker erkannt, dass Weiterbildung auch Wettbewerbsvorteile bringe.

„Das ist ein trauriger Zustand, den wir seit Jahren beklagen,“ kommentierte der Sprecher der IG Metall, Georgios Arwanitidis die Zahlen. „Dabei wissen wir nicht erst seit der Pisa-Studie, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Qualifizierung der Beschäftigten und der Höhe der Arbeitslosigkeit gibt.“ Lebenslanges Lernen werde in jeder Sonntagsrede gefordert. „Doch in der Praxis geschieht zu wenig,“ sagte der Bildungsexperte der Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Hans Jürgen Nordhaus dem Handelsblatt. Er bemängelt, dass vor allem diejenigen gefördert würden, „die schon qualifiziert sind“. Nach der Analyse des Statistischen Bundesamts gingen die Bildungsangebote fast in allen Wirtschaftsbereichen zurück. Auch bei der Intensität der Kurse besteht Nachholbedarf. Nach einer europäischen Vergleichsstudie aus dem Jahr 2003 lag Deutschland 1999 bei den Kursstunden auf dem drittletzten Platz. 27 Stunden wurden die Arbeitnehmer weitergebildet, in Dänemark, Spanien oder Rumänien waren es mehr als 40 Stunden.

Ein Grund für die Weiterbildungsmüdigkeit der Unternehmen sind die Kosten. 40 Prozent der Unternehmen verzichten deshalb auf Angebote, 12 Prozent mehr als in der Vorläuferstudie 1999. Das könnte auch mit dem Konjunktureinbruch nach 2000 zusammenhängen. Fast 80 Prozent glauben aber auch, ihre Beschäftigten seien bereits ausreichend qualifiziert. Knapp die Hälfte beklagt die hohe Arbeitsbelastung und begrenzte Zeit.

Dieses Argument gelte erst Recht bei der nun wieder boomenden Konjunktur. „Gerade jetzt können viele Betriebe auf keinen ihrer Mitarbeiter verzichten,“ meint der Bildungsexperte von Gesamtmetall, Michael Stahl. Er sieht seine eigene Branche, die Metall und Elektroindustrie deutlich besser aufgestellt. Nach einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft boten 2004 bereits 87 Prozent der Metall- und Elektrobetriebe den Beschäftigten Weiterbildung an.

Den Vorwurf des DGB, es würden vor allem bereits Qualifizierte gefördert, will Stahl nicht auf sich sitzen lassen. Umfragen zeigten, dass gerade schlecht Qualifizierte nur geringes Interesse an Weiterbildung hätten. Dagegen seien hoch Qualifizierte sogar bereit, Freizeit dafür zu opfern. Die Forderung des DIHK-Geschäftsführers Martin Wansleben, für Weiterbildung einen Teil des Urlaubs einzusetzen, sei daher nicht so abwegig. Wansleben hatte mit dieser Forderung am Wochenende einen Protest bei SPD und Gewerkschaften ausgelöst. IG Metall-Sprecher Arwanitidis warf ihm sogar Aufforderung zum Rechtsbruch vor: „Nach dem Urlaubsgesetz darf Urlaub nur zur Erholung genutzt werden.“

DGB-Bildungsexperte Nordhaus forderte die Regierung auf, ihren Versprechungen im Koalitionsvertrag Taten folgen zu lassen und vor allem sozial Benachteiligte mehr zu fördern. Derzeit geschehe das Gegenteil. So habe die Bundesagentur für Arbeit (BA) ihre Förderung der Weiterbildung seit 1996 mehr als halbiert. Allerdings werden die Mittel der BA oft gar nicht abgerufen. So wurden von den 200 Mill. Euro, die die BA 2006 für die Weiterbildung geringqualifizierter und älterer Beschäftigter zur Verfügung stellte, nur zehn Millionen von den Betrieben in Anspruch genommen. Dieses Jahr sind es bisher nur 5,4 Millionen.

Die Gewerkschaften versuchen seit Jahren mit Qualifzierungstarifverträgen der Misere gegenzusteuern. So schloss die IG Metall 2006 einen entsprechenden Tarifvertrag für die gesamte Metall- und Elektroindustrie ab. Die Erfolge solcher Tarifverträge sind mäßig. So waren bei einer Befragung über die Effekte des bereits 2001 nur für die baden-württembergische Metallindustrie vereinbarten Qualifizierungstarifvertrags nur 50 Prozent der Betriebsräte und 40 Prozent der Manager der Meinung, dass er zu einer Verbesserung der Weiterbildungspraxis geführt habe.

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