TV-Kritik
„Die SPD ist wie abgefahrene Reifen“

"Wahlkrampf statt Wahlkampf" war die These von Anne Wills erstem Polittalk nach der Sommerpause in der ARD. Mit Peer Steinbrück, Christian Wulff und Jürgen Trittin und dem Publizisten Michael Jürgs waren gleich vier Hochkaräter zu Gast: Die waren zwar nicht verkrampft, aber richtig kämpferisch waren sie leider auch nicht.

DÜSSELDORF. Gleich zu Beginn präsentiert Anne Will das Phänomen Horst Schlämmer, der im Kinofilm ja Kanzler werden will ("schlechter als die anderen bin ich auch nicht!"). Immerhin 18 Prozent der Wähler, so eine Umfrage, würden ihn tatsächlich wählen. "Was macht Schlämmer denn besser als die Parteien", fragt Will leicht provokativ. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) fasst Mut und antwortet: "Schlämmer hält uns Politikern den Spiegel vor". Steinbrück räumt ein, dass da so manche Geste zu Recht als leer entlarvt wird, gibt aber zu bedenken, wie das wohl auf Dauer auf den Wähler wirken mag, wenn Politiker nur noch als phrasendreschende Hohlköpfe dargestellt würden.

Niedersachsen Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) sagt gutmütig, vielleicht finde ja eine Debatte über Leerformeln statt um sogleich auf das Dekolleté-Plakat von CDU-Frau Vera Lengsfeld überzugehen. "Humor darf auch in der Politik stattfinden, aber nicht jeder Spaß gelingt - mehr fällt mir dazu nicht ein." Nun geht es noch um die Frage, ob Lengsfeld die Kanzlerin nicht hätte fragen müssen, ob sie das Foto verwenden darf. Stattdessen gab es wohl erst hinterher ein gespräch, in dem die Kanzlerin Lengsfeld gedrängt hat, das Plakat nicht mehr zu verwenden. Da mischt sich der Publizist Michael Jürgs ein: "Hätten Sie nicht gern gehört, was die beiden miteinander besprochen haben?" Jetzt kann der Grüne Jürgen Trittin nicht mehr an sich halten: "Das Plakat war der Versuch, die CDU in Kreuzberg wieder in die Zweistelligkeit zu bringen." Das war dann aber auch schon fast die einzige Spitzzüngigkeit in der Sendung.

Nun bringt Moderatorin Will die Sprache auf die Flachheit der Wahlkampagnen und die Unterforderung des Wählers, was den Publizisten Jürgs zu der Frage drängt, warum denn nicht gleich nur noch Unterhaltung gemacht werde. Klar, Jürgs will sein Buch "Seichtgebiete: Warum wir hemmungslos verblöden" promoten. Noch-Finanzminister Steinbrück erhebt Einspruch: "Das stimmt nicht. Die Menschen lechzen nach inhaltlichen Aussagen". Schließlich wollten sie Antworten auf die Frage wie die Finanzkrise zu überwinden sei. Besonders überzeugend wirkt das aber nicht, was Steinbrück da referiert.

Ein Einspielfilm, gedreht an Wahlkampfständen der Parteien, zeigt, dass viele Wähler die Parteien als viel zu wenig profiliert empfinden. Man könne nicht mehr sehen, wofür die Grünen stehen, sagt eine Befragte. Und ein anderer liefert das pointierteste Zitat des Abends: Die SPD habe kein Profil mehr, das sei wie mit abgefahrenen Reifen. "Reflexhafte Kritik an Steinmeier", kontert Steinbrück. Im Gegenteil, die SPD habe ein ambitioniertes Programm. Nun müsse abgewartet werden, ob es beim Wähler verfange. Später sagt Steinbrück noch, die zentrale Frage des Wahlkampfs sei, ob die Partei belohnte werde, die konkret wird, oder die, die im Ungefähren bleibt.

Publizist Jürgs, der versichert, alle Parteiprogramme gelesen zu haben, sagt: "Was mir in den Programmen fehlt, ist die Antwort auf die Frage, wie wir das finanzieren wollen." CDU-Mann Wulff sagt, die kalte Progression bei der Lohnsteuer sei leistungsfeindlich. Doch Steinbrück sagt zum Thema Steuersenkung: "Aussichtslos, vollkommen aussichtslos!" Er verweist auf die exorbitante Staatsverschuldung. Die Stille im Saal ist mit Händen zu greifen.

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