Universitäten fehlt das richtige Personal für Umbau
Autonome Hochschule ist noch Zukunftsmusik

Unter Sonntagsrednern herrscht Einigkeit: Die Herausforderung des Wissenschaftsstandorts Deutschland können nur unabhängige Hochschulen meistern. In der Praxis ist die viel beschworene autonome Universität jedoch noch die Ausnahme.

BERLIN. „Es blühen einzelne Blumen, doch die große Reform-Wiese der deutschen Hochschullandschaft braucht noch viel Dünger“, sagt der Vize-Generalsekretär des Stifterverbandes der Wirtschaft für die Deutsche Wissenschaft, Volker Meyer-Guckel.

Ganz zu schweigen vom „Unternehmen Hochschule“, dem sich die Hochschulrektoren auf ihrem heute beginnenden Jahrestreffen widmen. Für eine nach den Regeln der Wirtschaft gemanagte Alma mater fehlt den Hochschulen bisher das richtige Personal – statt den bislang dominierenden Verwaltungsjuristen wären dann vor allem Betriebswirte nötig, meint Meyer-Guckel.

Immerhin: Die vielfältigen Gesetzes-Novellen der letzten Jahre zeigen in die richtige Richtung, bescheinigt der Chef des einflussreichen Centrums für Hochschulentwicklung, Detlef Müller-Böling – in den einzelnen Ländern jedoch „in sehr unterschiedlichem Ausmaß“, kritisiert Christiane Ebel-Gabriel, Generalsekretärin der Hochschulrektorenkonferenz.

Als Vorreiter gilt Niedersachsen, das die Entlassung der Hochschulen in die Freiheit noch unter SPD-Herrschaft in die Wege leitete. Sie sind heute weitgehend autonom: von den Berufungen über die Verteilung der Finanzmittel bis zur Liegenschaftsverwaltung. Die Folgen: „Selbst bei rückläufigen Mitteln haben sie nun bessere Möglichkeiten zur Profilbildung“, so Ebel-Gabriel. Als Paradebeispiel gilt ansonsten die TU Darmstadt, die seit Beginn 2005 nahezu frei schalten kann. Auch die Reform in Baden-Württemberg findet Meyer-Guckel „relativ fortschrittlich“, als ermutigend gilt auch das Modell der TU Dresden.

Fast schon normal sind mittlerweile die so genannten Globalhaushalte, die den Hochschulen erlauben, ihre Mittel frei zwischen Personal und Sachmittel, Forschung und Lehre zu disponieren. „Schwach“ sei hier Bayern, so Müller-Böling, auch die neuen Ländern „tun sich schwer“. NRW will zwar 2006 Globalhaushalte für alle Hochschulen einführen – gleichzeitig „greift das Land wie in alten Zeiten in alles ein“, kritisiert Meyer-Guckel. Jüngstes Beispiel ist die Vorgabe, dass die Hochschulen ihre Lehr-Mittel im Verhältnis 80 zu 20 auf die Bachelor- und Master-Studiengänge zu verteilen haben.

Sehr unterentwickelt ist die Freiheit der Hochschulen bei der Berufung von Professoren: Fast überall müssen dem Ministerium die traditionelle Liste mit drei Vorschlägen zur Auswahl vorgelegt werden – sogar in Niedersachsen. Rühmliche Ausnahmen sind Hamburg, die TU Darmstadt und die Uni Saarbrücken, wo die Präsidenten das letzte Wort haben. Als „Rückzugsgefecht“ wertet Müller-Böling die Regel in NRW, wo sich das Ministerium bislang zumindest die Auswahl der wichtigsten Wissenschaftler, der „Eckprofessoren“, vorbehält.

Ein Kapital für sich ist die Besoldung der Professoren. Die seit 2005 bundesweit geltende W-Besoldung ermöglicht im Prinzip die Bezahlung nach Leistung, denn sie hat die bisherige C-Besoldung in Grundgehalt und Leistungszulagen gesplittet. Auch darüber dürfen jedoch längst nicht alle Universitäten selbst entscheiden. Zumindest Niedersachsen und Berlin haben auch dieses Steuerungsinstrument komplett den Hochschulen übertragen.

Jede noch so große Autonomie nützt nicht viel, wenn der Rektor oder Präsident nicht frei schalten kann, meinen Experten wie Müller-Böling. Denn die traditionelle Selbstverwaltungs-Universität, in der jede Neuerung erst den Senat passieren muss, „kann allenfalls zusätzliche Mittel gleichmäßig verteilen“. Um aber Prioritäten zu setzen, sind gerade in Zeiten knapper Kassen starke Rektoren nötig. Die nötige Unabhängigkeit kann ihnen die Wahl durch die neuen externen Hochschulräte verschaffen. Konsequent sind bislang jedoch nur Niedersachsen, Baden-Württemberg und Hamburg diesen Weg gegangen, so Müller-Böling.

Auch bei den geplanten Studiengebühren zeichnen sich sehr unterschiedliche Freiheitsgrade ab. Während die Hochschulen freie Hand fordern, haben die Unionsländer, die prinzipiell für Gebühren sind, kürzlich eine Höchstgrenze von maximal 500 Euro pro Semester vereinbart. Bayern will nun einen Korridor von 100 bis 500 Euro öffnen, Baden-Württemberg plant zunächst eine Einheitsgebühr von 500 Euro.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin
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