Urheberrecht
Hundert Kreative provozieren die Netzpiraten

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Geistiges Eigentum ist der Rohstoff unseres Landes

Niemand käme auf die Idee, kostenloses Fahren mit der Bahn einzuklagen. Kein Mensch geht ins Einrichtungshaus, nimmt sich Gläser mit und stellt sie nach Gebrauch gespült ins Geschäft zurück. Selbst am Geldautomaten, der doch nur das eigene Geld ausspuckt, berechnet die Bank eine Gebühr. Bei Liedern, Texten, Filmen, Werbekonzepten, Programmcodes aber soll das nun möglich sein? Ist die digitale Welt per se eine Welt, in der die Ideen nicht nur geteilt, sondern auch enteignet werden?

Wer so fragt, muss nicht in die Falle von Parteipolitikern tappen, die aus Existenzangst die Seriosität der Piraten hinterfragen. Man kann sich sogar freuen, wie sie mit ihrer Basisdemokratie und ihrer Abneigung gegen parteipolitische Konventionen den Polit-Betrieb aufwirbeln; man kann ihnen dafür danken, Nichtwähler für Politik zu interessieren. Man darf dennoch widersprechen.

Der Sänger und Schriftsteller Sven Regener hat das gemacht: „Ich kann diese asozialen Leute nicht mehr hören, die sagen: Diese Künstler sind doch Nutten, wenn sie es für Geld machen.“ Seitdem überrollt ihn ein „Shitstorm“, eine Angriffswelle anonymer Internetnutzer. Dabei geht es um das Fundament unserer Wirtschaft. Russland oder Saudi-Arabien sind groß wegen ihrer Rohstoffe. China wegen seines Heeres an Billigarbeitern. Deutschland aber spielt vor allem dank der Ideen seiner Denker, Tüftler und Kreativen in der Weltwirtschaft vorn mit.

Erfinder wie Werner Siemens, Carl Benz oder Robert Bosch formten mit der Kraft der Idee mächtige Konzerne, legten den Grundstein für eine einzigartige Industrielandschaft. Sie schafften das nur, weil sie wussten: Wenn ihre Denkleistung erfolgreich ist, können sie gut davon leben. Seither entsteht in Deutschland stets aufs Neue eine Kreativwirtschaft, die das Land mit Ideen und so mit zusätzlichem Wohlstand versorgt.

59 300 Patente wurde im vergangenen Jahr in Deutschland angemeldet. Das geistige Eigentum ihrer Entwickler ist der Rohstoff unseres Landes. Damit lassen sich unter den geltenden Spielregeln wunderbare Geschäfte machen. Die höchsten Erträge erzielen auch Daimler, VW und BMW mit Ideen für Produktneuheiten. Die Old Economy ist da am ertragstärksten, wo sie nicht alt, sondern neu ist.

In Deutschland entstand eine Kreativwirtschaft, 137 Milliarden Euro an Werten schafft diese Jahr für Jahr: 6,3 Milliarden die Musikwirtschaft, 14 Milliarden Euro der Buchmarkt, 8,9 Milliarden Euro die Filmwirtschaft. 244 000 Menschen leben von ihrer Kreativität als Angestellte, eine Million als Selbstständige. Wissen und Kreativität treiben die Wirtschaft voran. Man spricht von der Bildungsgesellschaft, von kognitivem Kapitalismus. Kapitalismus aber heißt: Für eine Leistung gibt es auch einen Lohn; wo eine Nachfrage ist, entsteht ein kostenpflichtiges Angebot. Was einen Wert hat, hat auch einen Preis.

Das galt, bis das Internet nicht nur Information und Kommunikation veränderte, sondern auch begann, die Politik zu verändern. Die Piraten sind von Polit-Exoten zum Trend des Jahres aufgestiegen. Sie sitzen in Landtagen, Umfragen taxieren sie bei zwölf Prozent. Mit ihnen ist auch das Thema Urheberrecht in die Öffentlichkeit geraten.

Dagegen regt sich Widerstand. Von Kreativen bis zu Staatsoberhäuptern. „Erbärmlich ein Eigentumsbegriff, der sich nur auf Sachgüter, Produktionsmittel und Wertpapiere bezieht und die Leistungen des menschlichen Gehirns ausklammert“, sagt Alt-Bundespräsident Roman Herzog.

Kommentare zu " Urheberrecht: Hundert Kreative provozieren die Netzpiraten"

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  • Zitat Handelsblatt: "Ohne den Schutz geistigen Eigentums gäbe es wahrscheinlich weder Computer noch Internet,...“

    Das Gegenteil ist der Fall, nur weil das Internet frei genutzt werden kann, nur weil zahllose Leute Open Source Software geschrieben haben sind PC´s und das Internet so schnell und so weit verbreitet worden.

    Hat das Handelsblatt eine Lizensgebühr für die Nutzung des Hypertext Transfer Protocol und html zahlen müssen? Nö. Aber ihr nutzt freie Technolgien um eure alten Hüte zu promoten.

    Wenn einer seine Idee für geistiges Eigentum hält, dann soll er sie doch für sich behalten.

    Urheberrecht ist der geistige Spagat zwischen den Kuchen essen wollen und den Kuchen behalten um ihn noch einmal zu essen.

    Warum soll ich eine teure mit Patenten belastete und fehlerhafte Technologie benutzen wenn ich Open Source selbst verbessern und weiterentwickeln kann?

  • http://www.youtube.com/watch?v=6TG5ZoNwAg4&feature=relmfu

    ich verweise an dieser stelle (solange es noch erlaubt ist) gerne auf das video von SemperCensio... wird alles gesagt ;)

  • @Charly: Es kann nicht schaden, wenn man ab und zu mal Zeitung liest. In den letzten Wochen haben diverse Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler und andere Werkschaffende der Kulturszene klipp und klar dargelegt, daß sie in einer arbeitsteiligen Gesellschaft beim besten Willen kein Interesse daran haben, auch noch die Verwertung ihrer Werke selbst in die Hand zu nehmen, sondern sich lieber auf ihre Kernkompetenz konzentrieren wollen. Menschen übrigens, die sich keineswegs von ihren Verwertern und den Verwertungsgesellschaften ausgebeutet fühlen, sondern durch deren Arbeit das Geld verdienen, das sie für ihren Lebensunterhalt benötigen!

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