Vier Fragen an: Gerhard Riegl
Riegl: „Patienten verlangen Ehrlichkeit“

Der Trend zu Selbstzahlerleistungen im Gesundheitssystem steigt. Gerhard Riegl, Leiter des Instituts für Gesundheitsmanagment in Augsburg, warnt im Gespräch mit dem Handelsblatt davor, dass der Patient zum Kunden wird.

Handelsblatt: Wie stark ist der Trend zu Selbstzahlerleistungen?

Sie werden bald selbstverständlich sein. Ich wage zu behaupten, dass künftig jede Praxis 70 000 bis 8  000 Euro pro Jahr zusätzlich an kassenfreien Leistungen einnehmen muss. Für eine Praxis mit 1 000 Patienten wären das durchschnittlich 20 Euro pro Patient und Quartal. Rein zufällig gibt es wieder Überlegungen der Politik, die Praxisgebühr eventuell auf 20 Euro pro Quartal zu erhöhen.

Riegl: Der Patient wird zum Kunden?

Davor warne ich. Das wäre ein fatales Eigentor für die Ärzte. Patienten sind mehr wert als Kunden, sie verdienen und brauchen mehr Zuwendung. Ein Arzt-Patienten-Verhältnis basiert auf Vertrauen. In der Praxis muss ich mich, zugespitzt formuliert, geborgen fühlen wie in Abrahams Schoß. Ich will nicht dauernd damit rechnen, dass mich jemand übers Ohr haut.

Sie empfehlen, kassenfreie Leistungen ins Angebot aufzunehmen, mahnen gleichzeitig aber zur Vorsicht?

Ja. Ärzte sollen über zusätzliche Angebote sozial kompetent aufklären, aber nicht wie ein Verkäufer auftreten und Druck aufbauen. Kunde König spricht man nach dem Mund, aber Patienten verlangen Ehrlichkeit. Über den Erfolg einer Arztpraxis entscheidet die außerordentliche Qualität.

Viele Krankenkassen warnen auf ihren Internetseiten vor kassenfreien Angeboten. Mit Recht?

Nein, das ist Ausdruck einer unethischen Mentalität des Verschweigens. Die Krankenkassen treten so auf, als wären sie für ihre Patienten die Vollkaskoversicherung. Das sind sie aber nicht. Was sie bieten, muss den Kriterien „notwendig, ausreichend und wirtschaftlich“ entsprechen. Und so weit ich weiß, entspricht ein „ausreichend“ der Note vier. Ich bin der Ansicht, dass man lieber einräumen sollte, dass es sehr wohl Angebote gibt, die der Patient darüber hinaus wahrnehmen kann, um seiner Gesundheit etwas Gutes zu tun.

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