Wahl des Bundespräsidenten
Joachim Gaucks Deutschland-Party

Die Stimmung ist euphorisch wie selten bei dieser Bundespräsidentenwahl. Jedem ist klar, dass Joachim Gauck problemlos gewählt wird. Parteipolitik spielt keine Rolle. Beste Vorzeichen für eine störungsfreie Polit-Party.
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BerlinHeute wird Joachim Gauck zum 11. Bundespräsidenten der Bundesrepublik gewählt. Dann bekommen die Deutschen den Präsidenten, den sie auch wirklich wollen. Quasi ohne Hindernisse kommt der ostdeutsche Theologe an die Staatsspitze. Die Mehrheit in der Bundesversammlung ist ihm sicher. Entsprechend euphorisch ist die Stimmung in Berlin. Selbst das Wetter spielt mit und gibt am frühen Morgen schon den eindeutigen Hinweis, dass heute ein guter Tag werden wird: Präsidenten-Wetter – noch diesig zwar, aber frühlingshaft. Und das den ganzen Tag. 

Auch an den Gesichtern der Abgeordneten lässt sich ablesen, dass heute nichts schief gehen wird. Eine Denkzettel-Wahl wie damals, am 30. Juni 2010, als Christian Wulff erst im dritten Wahlgang gewählt wurde, wird es nicht geben. Wie geschlossen die Politik hinter Gauck steht, hat sich schon bei seiner Nominierung gezeigt – auch wenn es Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen den Strich ging, nicht einen ihrer Wunschkandidaten damals durchgesetzt zu haben.

Heute ticken die Uhren ausschließlich für Gauck. Nur strahlende Gesichter im Bundestag. Auf Fraktionsebene herrscht reges Treiben. Die Abgeordneten tröpfeln nach und nach in ihre Fraktionsräume. Man stimmt sich ein auf die Wahl, bei der es nur einen Gewinner geben wird. Die Pro-Gauck-Stimmung über Parteigrenzen hinweg bringt der bayerische SPD-Chef Florian Pronold auf den Punkt, als er versehentlich die Unions-Fraktion ansteuert. Als er merkt, dass er hier gänzlich falsch ist, sagt er: „Ist ja heute nicht so dramatisch, wenn wir in die falsche Fraktion gehen.“ 

Die Stimmung ist locker, fast ausgelassen. Abgeordnete flanieren mit ihren Ehefrauen Hand in Hand auf den Terrassen. Einige dürfen dann auch mal den großen Sitzungssaal der eigenen Fraktion betreten. Selbst Kinder dürfen heute in die große Politik eintauchen und dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Es ist fast so, als würde eine große Familie ein großes Fest feiern. Joachim Gauck, eben noch Privatmann, dann Bundespräsident, als Gastgeber – umringt von Fast-Nur-Befürwortern und –Unterstützern.

Auch zahlreiche Prominente geben sich die Ehre. Die Schauspielerin Senta Berger etwa, die schon zwei Stunden vor Beginn der Bundesversammlung mit ihrem Mann durch die Gänge des Reichtags tändelt. „Wir sind ja schon sehr früh dran“, sagt sie. Oder Otto Rehhagel. Der ist heute Gast der Unions-Fraktion. Gestern kassierte er noch mit seinem Verein Hertha BSC Berlin eine 6:0-Heimschlappe gegen Bayern München, heute hilft er mit, Gauck zum Sieger dieser Bundespräsidenten-Wahl zu machen.

Kommentare zu " Wahl des Bundespräsidenten: Joachim Gaucks Deutschland-Party"

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  • Lieber einen Gauck(ler) als einen Wulff im Schafspelz!

  • Die Frage ist, muss man denn gleich übertreiben indem man einen Kandidaten aufstellt, der aus dem Lager der Theologen kommt ?

    Schließlich haben wir genügend negatives in der Vergangenheit von Angehörigen der theologischen Kaste gehört und erlebt.

    Leute die etwas vertreten von dem es keine Beweise gibt, sind mir nicht so besonders geheuer.
    Zudem muss die Frage erlaubt sein, brauchen wir einen Präsidenten der so betagt ist ?

    Kann jemand mit 72 Jahren die heutige Welt und ihre wichtigen dringenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme überhaupt noch verstehen oder ist nicht vielmehr seine Zeit bereits ab gelaufen?

  • zu dem, was ich sehe, hat auch Deutschland seinen eigenen Fisch zu braten.
    Gott helfe her, vielleicht in ein paar Monaten werden Sie eine andere Zapfenstreich haben

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