Wahl zum Bundespräsidenten
Die Linke und der Sodann-Faktor

Der Kandidat der Linkspartei für das Amt des Bundespräsidenten fordert eine neue Nationalhymne und würde gerne Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ins Gefängnis stecken. Warum Peter Sodann dennoch ein beliebiger Kandidat ist und Oskar Lafontaine trotzdem mit sich zufrieden sein kann, das erklärt der Dresdener Politikwissenschaftler Werner J. Patzelt im Gespräch mit Handelsblatt.com.

Herr Patzelt, die Linke hat den Schauspieler Peter Sodann als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Welche Taktik steckt dahinter?

Die Linkspartei wollte demonstrieren, dass sie kein Stimmvieh für die SPD ist. Die Sozialdemokraten haben ja mit Gesine Schwan eine eigene Kandidatin für das Bundespräsidentenamt aufgestellt, die jedoch für einen Sieg auf die Stimmen der Linken angewiesen wäre. Die Linke signalisiert nun mit Sodann: Wir lassen uns von der SPD niemanden vorsetzen. Damit schärft die Linkspartei ihre Rolle als wirklich eigenständiger politischer Kraft. Sie musste im Grunde nur einen halbwegs plausiblen Kandidaten finden.

Ist denn ein ehemalige Tatort-Kommissar, der von sich selbst behauptet, ein „demokratischer Sozialist“ zu sein, ein plausibler Kandidat?

Im Sinne der Linken sicherlich: mit dem SED-Staat sowohl in Konflikt geraten als auch später ausgekommen, und in Bundesdeutschland beliebt. Aber die Sprechblasen von Parteichef Oskar Lafontaine bei der Vorstellung des Kandidaten waren dann doch entlarvend: Ausschlag für die Nominierung habe Sodanns breite Anerkennung im Beruf sowie sein Eintreten für mehr Demokratie, Frieden und soziale Gerechtigkeit gegeben. Diese Attribute treffen doch auf tausende Menschen zu?

...die Linke soll ja auch Gespräche mit der Schauspielerin Hanna Schygulla und der Autorin Daniela Dahn geführt haben, wenn auch ohne Erfolg...

Dazu meine ich: Seit Jahren merkt man die Tendenz, dass Prominente von außerhalb der Politik aus allen möglichen Motiven für das Amt des Bundespräsidenten nominiert werden. Das drängt dem Bürger doch den Eindruck auf, diese Position könne jeder ausfüllen. So wird das Amt des Bundespräsidenten letztlich herabgesetzt. Aber Lafontaine wird zufrieden sein: Er konnte demonstrieren, dass die Linke nun wirklich für alle Ämter unseres Landes Kandidaten aufzubieten hat. Und tatsächlich ist das für eine aus Ost und West, aus PDS und WASG zusammengeschlossene Partei nichts Geringes.

Trotz der desaströsen Bayern-Wahl hat das bürgerlicher Lager weiterhin eine knappe Mehrheit in der Bundesversammlung. Die Linke schwächt mit ihrem eigenen Kandidaten nun noch Gesine Schwan. Ist Horst Köhler bereits der alte neue Bundespräsident?

Horst Köhlers Chancen sind stark gestiegen. Ich gehe aber davon aus, dass es auf drei Wahlgänge hinausläuft. Es wäre sehr überraschend, wenn sich für ihn auf Anhieb eine absolute Mehrheit fände; also wird er wohl im dritten Wahlgang gewählt, wenn nur noch eine relative Mehrheit verlangt ist.

Welche Rolle spielt Sodann konkret bei der Wahl?

Vereint Sodann in den ersten zwei Wahlgängen alle Stimmen der Linken auf sich, ist ihm zweierlei gelungen: Er hat die Linke, die in Teilen ja durchaus Gesine Schwan zuneigt, auf klarem Alternativkurs gehalten - und dadurch hat er die Linke in die Lage versetzt, von der SPD für ihr Stimmenpaket Gegenleistungen einfordern zu können.

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