Wahlkampf
Wenn die Phrasen wie Kamelle fliegen

Viel Konkretes kam Kanzlerin Angela Merkel am frühen Dienstag Abend nicht über die Lippen, als sie auf dem überfüllten Bonner Marktplatz ihren Wahlkampfauftritt absolvierte. Dabei hätte sie ein Zeichen setzen können – gegen Getöse um Dienstwagen und Ackermann-Geburtstagsessen.

BONN. Beschallt vom Rolling Stones Hit „Start me up“ zieht die Kanzlerin durch die wartende Menschenmasse zur Bühne. Angela Merkel passiert winkend ihre Fans, die Plakate mit Angie-Schriftzug in den Bonner Himmel recken. Für Merkels Wahlkampfauftritt hat sich der Marktplatz der Bundesstadt gefüllt. Die Show beginnt mit verbalem Geplänkel zwischen Merkel und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Ein Frage-Antwort-Spiel, bei dem sich die Kanzlerin von ihrer lockeren Seite zeigt: „Du weißt ja nicht, wann ich manchmal abends nach Hause komme“, antwortet sie Rüttgers, auf die Frage, warum sie manchmal ihren Mann zum Einkaufen schicke.

Schlagfertig und souverän präsentiert sich Merkel. Nichts ist davon zu spüren, dass am heutigen Mittwoch die detaillierten Kosten des von ihr ausgerichteten Ackermannschen Geburtstagsfests im Haushaltsausschuss diskutiert werden. Die Fete für den Deutsche-Bank-Chef vor einem Jahr hatte ihr in dieser Woche noch einen verspäteten Kater bereitet. Der Bundestagswahlkampf könnte jetzt so langsam in die heiße Phase gehen, beschränkte sich bisweilen aber auf diese Art Skandälchen.

Auch für die anstehenden Landtags- und Kommunalwahlen an diesem Sonntag hätte Merkel in Bonn die Gelegenheit gehabt, gegenüber den Wählern mit ein paar politischen Standpunkten zu punkten. Stattdessen beginnt sie ihre Rede mit einer Geschichtsstunde. Während die Glocke des Bonner Rathauses wie bestellt anfängt zu läuten, spricht sie über die Jubiläen von Grundgesetz und der Unions-Fraktion und spannt den Bogen über diese historischen Ereignisse bis heute: „Wir befinden uns in einer entscheidenden Phase in der Geschichte. Jeder einzelne kann jetzt viel bewegen.“ Applaus vom prall gefüllten Markplatz und aus den Fenstern der umliegenden Häuser. Die Masse scheint schon überzeugt.

Doch weiter hinten haben sich Demonstranten der Piraten-Partei, von Greenpeace und den Grünen versammelt. Aus dieser Ecke kommen Pfiffe und Buh-Rufe, vor allem bei den Themen Kernenergie und bei der Erwähnung der Familienministerin. Über Ursula „Zensursula“ von der Leyen machte sich bei den Protestlern Unmut breit. „Es ist gut, dass auch die Freiheit zum Buh-Rufen da ist“, entgegnete Merkel den Unzufriedenen. Staatsmännisch souverän wirkt sie in diesen Momenten.

Doch inhaltlich Konkretes kommt ihr auf dem Bonner Marktplatz kaum über die Lippen. Man müsse die Forschung fördern, den Fachkräftemangel beheben und Bürokratie abbauen, Wachstum und dadurch Arbeit schaffen und die Finanzmärkte stärker kontrollieren. Phrasen regnen auf die Zuhörer auf dem Markplatz wie die Kamelle am Rosenmontag.

Vor Merkels Auftritt war den wartenden Zuschauern auf einer Leinwand ein Film über die Geschichte der Bundesrepublik und der Union gezeigt worden: Adenauer, Erhard, Kohl. Das Erbe dieser drei Unions-Kanzler: Grundgesetz, Wirtschaftswunder, Wiedervereinigung. Merkel sagt, auch ihr Vorgänger Gerhard Schröder habe ihr etwas hinterlassen: Fünf Millionen Arbeitslose. Dass ihr eigenes politisches Erbe besser ausfällt, dafür tat Angela Merkel auf dem Bonner Marktplatz indes wenig.

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