Was auf der SPD-Klausurtagung passierte
Showdown am Schwielowsee

Wie der Plan der SPD, mit einer schnellen Entscheidung über den Kanzlerkandidaten aus der Krise zu springen, in wenigen Tagen am gegenseitigen Misstrauen von Parteilinken und Parteirechten unterging – Chronologie eines Showdowns.

WERDER. Sonntag früh um fünf vor elf ist die SPD-Welt so wunderbar wie lange nicht mehr – jedenfalls aus Sicht von Klaas Hübner. Der ist Vorsitzender des Seeheimer Kreises, des rechten Parteiflügels, und fröhlich lächelnd geht er auf das luxuriöse Hotel am Schwielowsee zu, gut eine Autostunde südlich von Berlin. „Es ist ein guter Tag für die SPD und ein guter Tag für Deutschland“, sagt Hübner, der von Beruf Unternehmer ist und voll hinter der rot-grünen Agenda-Politik steht.

Nichts kann seine Laune trüben; auch nicht, dass ihn die Sicherheitsleute nicht vor dem Hotel vorfahren lassen, sondern auf einen weit entfernten Parkplatz schicken. „Wir haben in Steinmeier genau den richtigen Kanzlerkandidaten gefunden“, sagt Hübner strahlend, und die Kameras saugen es auf. Parteichef Kurt Beck habe einen guten Zeitpunkt gewählt. „Ich habe den größten Respekt vor Kurt Beck. Er hat große Souveränität bewiesen.“ – Und Franz Müntefering? Der brauche doch kein Amt: Er spiele doch sowieso eine wichtige Rolle im kommenden Wahlkampf. Sagt Hübner.

Minuten zuvor hat SPD-Fraktionschef Peter Struck das „Event-Center“ schon wieder verlassen. Nur zehn Minuten ist er geblieben, wo ab elf Uhr eigentlich SPD-Boss Beck, seine drei Stellvertreter – Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Finanzminister Peer Steinbrück und Linksfrau Andrea Nahles – zusammen mit SPD-Präsidium, SPD-Ministern und den SPD-Ministerpräsidenten sowie den Vorsitzenden der Parteiflügel tagen sollen. Mit seinem Motorrad Marke BMW ist Struck vorgefahren.

Wie alle anderen Spitzengenossen hat er am Morgen den neuen „Spiegel“ gelesen. Das Magazin titelt: „Der Kandidat – Was kann Frank-Walter Steinmeier?“ Auch Peter Struck ist wohl fest davon ausgegangen, dass Beck um 13 Uhr zusammen mit Steinmeier verkündet, dass der Außenminister Kanzlerkandidat der SPD werden würde.

Doch Struck bleibt nicht einmal Zeit, aus der Ledermontur zu schlüpfen: Sicherheitskräfte verfrachten ihn in ein Auto, das ihn davonfährt in Richtung des nahen, idyllischen Örtchens Werder: Dorthin haben sich Beck, seine Stellvertreter und Generalsekretär Hubertus Heil zurückgezogen.

Denn Beck war zutiefst gekränkt und wollte sich partout nicht an das Drehbuch halten, das offensichtlich Steinmeiers Leute dem „Spiegel“ gesteckt hatten. Er, Beck, halte es für zu früh, schon jetzt die K-Frage zu klären, sagte er in dem Landgasthof – und blieb zum Entsetzen Steinmeiers dabei.

Am Schwielowsee weiß das um elf Uhr noch niemand. Junge Männer und Frauen in roten Verdi-T-Shirts trommeln für den Mindestlohn, und die Journalisten warten auf die Ankunft der Parteispitze. Doch es tut sich nichts, und man zerstreut sich in Richtung des improvisierten Pressezentrums im Restaurant am See. Einträchtig sitzen auf der Terrasse Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, ein Freund Steinmeiers, und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, der Beck stützt, beisammen. „Um 12.30 Uhr geht's weiter, hat man uns gesagt“, sagt Platzeck, und dass er es natürlich begrüßen werde, wenn es denn so käme, „wie wir alle erwarten“, dass Steinmeier zum Kandidat gekürt werde. Davon geht auch Wowereit aus: „Ist ja klar, dass der nächste Kanzler aus Berlin kommen wird.“ Dort haben sowohl CDU-Chefin Angela Merkel als auch Steinmeier ihren Wohnsitz. „Aber die Wahlkreise sind beide in Brandenburg“, frotzelt Platzeck zurück: „Schauen Sie sich um, schöner kann's doch gar nicht sein als hier am Schwielowsee in Brandenburg, und ich bin jetzt hier der Tourismusbeauftragte.“ Gerade verziehen sich, wie auf Bestellung, die dunklen Wolken, die über dem See hingen. Das Wasser glänzt in der Sonne, Boote ziehen vorbei.

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