What´s right?
Das deutsche Börsen-Eigentor

Weltweit wagen aufstrebende Unternehmen den Gang an die Börse. „Going public” boomt. Nur in Deutschland nicht. Ein sehr bedenkliches Indiz für verlorene Gründer- und Wagnismentalität.
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Börsengänge sind wieder schwer in Mode. Von Alibaba und Huawei in China bis Facebook und Twitter in Amerika sind sogar Riesen dabei. Vor allem die neuen Internetkonzerne von Spotify, Godaddy bis Dropbox wollen mit der Börse durchstarten, besorgen sich Kapital und ermöglichen Wachstum in neue Dimensionen. Weltweit wagen derzeit so viele Unternehmen den Sprung an die Börse wie seit Jahren nicht mehr: Bei 228 (Vorjahr: 163) Börsengängen wurden bereits im ersten Quartal 42,6 (24,4) Milliarden Dollar erlöst. In China allein gingen 67 Firmen an die Börse, die 11,5 Milliarden Dollar einnahmen.
Aber auch in Europa ist die Börsengang-Stimmung wieder deutlich besser. Demnach zog das Volumen der hiesigen IPOs um 191 Prozent auf 15,2 Milliarden Dollar an - den höchsten Stand seit dem Jahr 2000. Bankern zufolge keimt bei den Investoren nach der Schulden-Krise die Hoffnung auf, dass sich die Wirtschaft mehr und mehr erholt. Das Geld fließe insbesondere wieder nach Südeuropa. In Spanien, das vom Platzen der Immobilienblase schwer getroffen war, schaffen es sogar wieder Immobilienfirmen an die Börse. Selbst das krisengeschüttelte Frankreich meldet mit dem Kabelnetzbetreiber Altice (2,04 Milliarden Dollar) einen großen Börsenneuling.
Nur an Deutschland geht der neue Börsenschwung vorbei. „Es fehlt die Akzeptanz. Deutschland ist viel zu börsen- und bankenfeindlich”, klagt ein Investmentbanker in Frankfurt. Gerade einmal die anleiheähnlichen Immobilienunternehmen wie LEG oder die Deutsche Annington gehen neu aufs Parkett. Dabei waren Börsengänge vor zehn, fünfzehn Jahren oftmals Selbstläufer. Nachdem der Neue Markt aufgelöst wurde, sind Börsengänge in Deutschland aber immer unbeliebter geworden. So strebten im Jahr 1999 noch 165 deutsche Unternehmen an die Börse, während 2012 nur noch sieben Neuemissionen zu verzeichnen waren.
Auch im laufenden Jahr 2014 rechnen Experten trotz des Börsen- und Konjunkturaufschwungs bestenfalls mit einem Dutzend Neu-Emissionen. Der Dachpfannen-Hersteller Braas Monier ist noch die interessanteste. Deutschland schadet sich mit dieser Askese. Denn so wird es nicht nur aufstrebenden, jungen Firmen schwer gemacht, sich zu kapitalisieren und rasch zu wachsen. Die Gründer- und Wagnismentalität ist gebrochen.
Damit weist die Börsenabstinenz auf ein tiefer liegendes Problem Deutschlands. Die verbreitete Meinung der Deutschen hält die Börse für Las Vegas ohne Musik und die Banken für Banditen. Für eine Nation mit erheblichem Kapitalstock ist diese Grundeinstellung fatal.

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Finanzmärkte werden politisch attackiert

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  • Es geht ja in dem Artikel weniger darum wie man sein Geld anlegt sondern darum das immer weniger Firmen sich an die Börse wagen. Und das kommt im wesentlichen daher, das man es als Neuling heutzutage einfach innerhalb einer Lebensspanne nicht mehr schafft.

    Wenn man z.B. Zalando (Rocket Internet) ansieht, die jetzt
    einen Börsengang planen sollen. Die sind nur deshalb so weit gekommen weil sie es geschafft haben Millionen/Milliarden bei Investoren locker zu machen.

    Nur hat der normale Mittelständler in Deutschland in seinem Leben nicht die Chance so weit zu kommen. Sicher gibt es einige Ausnahmen - die bestätigen die Regel. Ich rede aber vom Gros der Firmen, die nicht den Hauch einer Chance haben jemals 'börsennotiert' zu werden,

    Finanziell so bombastisch unterstützte Firmen wie das große A oder Z verzerren den Wettbewerb und lassen alle anderen hinter sich nur weil sie einfach unheimlich viel Geld mobilisieren konnten.

    Wenn ich als A&Z Firma keine Steuern in D zahle, meine Logisticzentren vom deutschen Steuerzahler subventionieren lasse, die Menschen unter fragwürdigen Bedingungen beschäftige usw usf, dann kann ich als kleiner Selbständiger auch mal 'gross' werden.

    Hat man das alles nicht, reicht ein Leben nicht aus ein Unternehmen von Null auf Börse zu bringen.

  • Dieses doch Teil der Börsenfeindlichkeit. "Um Gottes Willen: Bloß kein Wagnis eingehen." - So denkt es in den meisten deutschen Köpfen. Dass immer eine höhere Besteuerung für Aktionäre droht, hält mich nicht davon ab, das richtige zu tun, d.h. in vernünftige Unternehmen zu investieren. Genausowenig werde ich mich staatlicher Förderung (EEG, Riester, Rürup) verführen lassen und Unsinn machen. Diese Wahl haben wir trotz unser Politiker. Einfach Riester boykottieren. Zack und gut. Richtig problematisch wird's erst, wenn es Zwangsriestern für alle Untertanen gibt und entwickeln einige der Politiker schon solche Ideen.

  • "Indiz für verlorene Gründer- und Wagnismentalität."

    Mit Verlaub warum sollte heute noch jemand Selbständigkeit anstreben? Hat man keinen Erfolg, so kann man sich des Spottes seiner Umgebung und seines finanziellen Ruins sicher sein. Gerade in der heutigen, wirtschaftlich schwierigen Zeit, denkt man dreimal drüber nach.
    Andererseits ist es auch nicht besser wenn man erfolgreich ist. Denn nicht nur das die Steuern aufs derbste krachen, jeder hält die Hand auf und fordert. Von klein nach oben funktioniert nicht mehr. Nur wenn man schon fett Kohle hat und bereit ist auf Jahre ohne Gewinn zu arbeiten hat man vielleicht eine Chance wenn die Idee gut ist.

    Hat man es dann wirklich, trotz aller Widrigkeiten geschafft, dann kann man sich von seiner Umwelt zum Dank auch noch anhören, was für ein Schmarotzer und böser geldgieriger Mensch man ist. In der Presse wird man beschrieben als der Teufel persönlich und gefordert das man das erarbeitete Vermögen am besten gleich nach unten durchreichen soll.

    Warum also sollte man das alles auf sich nehmen für etwas Selbständigkeit?

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