What's right?
Mit 33.000 Steuerparagrafen drangsaliert

Politiker jagen prominente Steuerhinterzieher, verschärfen die Repression gegen das Steuervolk und verlangen komplizierteste Steuererklärungen. Dabei ist etwas viel Größeres faul als nur ein paar Konten in der Schweiz.
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Üble Nachreden zu Uli Hoeneß und Alice Schwarzer sind mittlerweile so billig wie Ostfriesenwitze. Sie werden mit massenhafter Häme überzogen, und die politische Klasse befeuert die Hatz mit dem Furor von Jakobinern, so dass aus Häme zuweilen Hass wird. Je lauter und schriller die Berliner Attacken auf die „Kriminellen” aber werden, desto mehr beschleicht einen der Verdacht, dass es hier um etwas ganz anderes geht. Um ein Ablenkungsmanöver der Politik nämlich vom eigenen Versagen.

Denn es stolpern nicht nur schillernde Prominente über ihre Steuersünden. Es haben Millionen Deutsche auf die eine oder andere Weise Probleme mit dem Finanzamt, es geraten Hunderttausende dabei in Rechtsverfahren, und es sind Abermillionen, die als angebliche Schwarzarbeiter und Gefälligkeitshelfer mit dem deutschen Steuerrecht in latentem Konflikt stehen.

Vielleicht sollte sich der selbstgefällige und immer repressiver auftretende Staat – anstatt Hetzjagden auf Einzelne loszutreten – einmal fragen, ob mit seinem Steuersystem wirklich alles in Ordnung ist. Denn wenn die Mehrheit der Staatsbürger im kleinen wie im großen mit der Steuererklärung hadern, dann ist vielleicht etwas Größeres faul als nur ein paar Konten in der Schweiz. Seit Jahren gelingt es Berlin einfach nicht, was die Parteien immer wieder versprechen: Ein einfaches, faires, durchschaubares und möglichst gering belastendes Steuersystem zu etablieren.

Man muss nicht gleich träumen vom Bierdeckel eines Friedrich Merz oder von einer Grundlagenvereinfachung wie es Paul Kirchhof klug vorgeschlagen hat. Aber dass niemand in Berlin mehr den Steuerdschungel überhaupt lichten will, dass es keine Lobby mehr gibt für den normalen Menschenverstand, das wirft kein gutes Licht auf den fiskalischen Zustand unserer Republik.

Ist es nicht absurd, dass ein Volk mit 33.000 Steuerparagrafen drangsaliert wird? Dass normale Menschen ihre Steuererklärungen nur mit Hilfe von Steuerberatern ausfüllen können? Dass der Satz des Pythagoras 24 Worte umfasst, die Zehn Gebote 179, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 – aber allein der Paragraph 3 des deutschen Einkommenssteuergesetzes (über steuerfreie Einnahmen) 6493 Worte?

Deutsche Finanzämter sind Heiligtümer der Bürokratievergötterung. Um sie überhaupt zugänglich zu machen für das Normalvolk, gibt es in Deutschland mittlerweile 100.000 Steuerberater – seit einigen Jahren zählen sie zu den am schnellsten wachsenden Berufsgruppen im Land. Selbst Kleinrentner mit 750 Euro müssen jedes Jahr eine Steuererklärung machen und von ihrem kargen Geld auch noch den Steuerberater zahlen.

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Das wuchernde Steuerrecht

Kommentare zu " What's right?: Mit 33.000 Steuerparagrafen drangsaliert"

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  • Wie steht es denn mit Ahndung der Steuerverschwendung?
    Wir haben ein nimmersatt, der Ausgabenvöllerei frönendes Umverteilungs- und Ausgabensystem und einen Staat, der keinerlei Bedarf an verantwortlichem Haushalten sieht. Das Steuervolk ist der unendliche Goldesel und wenn die Leute kein Brot mehr haben, sollen sie doch Kuchen essen...

  • Ich hatte vor einigen Jahren beruflich mit dem Filialleiter einer österreichischen Bank an der deutschen Grrenze zu tun. Seine größte Sorge war, dass eine Rechtsänderung in Deutschland dazu führt, dass ihm die deutschen Kunden wegbleiben. (Österreicher waren nur zu einem Drittel seine Kunden.) Das meiste war wohl Schwarzgeld, die Kunden kamen aber aus allen beruflichen Schichten und legten auch kleinere Summen von wenigen tausend € an. Ältere Kunden hatten Angst, dass irgendeine wilde Regierung in Berlin sie eines Tages enteignet. Dass nur die Wohlhabenden (wo fängt Wohlhabenheit an?) steuerlich kreativ werden, ist eine Mär.
    Ich stimme dem Autor weitgehend zu, sehe aber auch die latente Überforderung vieler Steuerberater.
    Irgendwer hat mal formuliert, dass wir in Deutschland fünf Sterne bezahlen, aber nur drei bekommen. Und das ist auch das zentrale Problem: die weitgehende Unfähigkeit der politischen Klasse mit Geld umzugehen und die Naivität vieler Wähler, die nicht merken, dass sie die Geschenke des Staates selbst bezahlen.

    E. Köhler

  • 1) Böse Zungen kolportieren daß 80 % der weltweiten Steuerliteratur in deutsch abgefaßt sind. Weitab von der Wirklichkeit kann diese Behauptung gewiß nicht liegen.

    2) Je feiner ein Steuergesetz ziseliert ist, um möglichst jedem Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, desto höher müssen die Steuersätze werden. Insofern sind die radikalen Vereinfachungsvorschläge verschiedener Fachleute nicht realitätsfern. Werden alle Sonderfälle und Vergünstigungen, man kann sie auch indirekte Subventionen nennen, beseitigt, könnten die allgemeinen Steuersätze annähernd halbiert werden.

    3) Bei solch niedrigen Steuersätzen - die Schweiz kommt damit ja auch aus - fällt der Anreiz zu Umgehung oder Hinterziehung weitgehend weg, denn solche Aktivitäten sind ja auch nicht zum Nulltarif zu haben, vom Risiko garnicht zu reden. Und das Geld bliebe im Lande.

    4)Summasummarum ist der gegenwärtige Zustand ein volkswirtschaftliches Verlustgesschäft für alle Beteiligten, den Staat eingeschlossen. Und die Reform könnte durchaus aufkommensneutral erfolgen. Ausreden gelten nicht. Die FDP verdankt übrigens ihren Untergang zum großen Teil dem Umstand, daß sis sich diesen letzten Gesichtspunkt nicht zueigen gemacht hat. Wahrlich ein liberales Projekt!

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