Wie die SPD auf dem Parteitag ihren Nachwuchs sieht
Sigmar Gabriel - Seiltänzer der Macht

Sigmar Gabriels Platz ist in der dritten Reihe vorne auf dem Podium. Noch. Sein Jackett hat er abgelegt, rund und rosig sitzt er da, wie ein Ball, der ständig in Bewegung gehalten wird durch die Ereignisse. Noch sind die Vorstandswahlen längst nicht beendet. Sigmar Gabriel möchte im Vorstand bleiben. Wer jetzt vor den Delegierten des Bochumer SPD-Parteitages redet, sollte tunlichst überlegen, was er sagt. Mit flinken Schritten besteigt Gabriel den roten Würfel, der wie ein Blutsee das Pult umgibt.

Zur Debatte steht Antrag 225, es geht der Parteiführung mal wieder darum, eine Arbeitsgruppe zu Parteireformen zu gründen, inklusive „Umsetzung des Prinzips des Gender-mainstreamings in Arbeits- und Kommunikationsformen der Partei“, wie es zur Begründung heißt. Das klingt nicht so, als müsse man darüber reden. Aber Gabriels Wortwahl ist eine andere. Er warnt davor, die Zukunft der Partei wieder mal routiniert an eine Arbeitsgruppe zu verweisen, und setzt zur Publikumsbeschimpfung an. „Das große Problem ist, dass wir die Alltagserfahrung der Leute nicht mehr abbilden“, sagt er. Und: „Manchmal kommt unsere Politik etwas langsam und grau daher, weil uns die unterschiedlichen Sichtweisen fehlen.“ Immer nur gehe es darum, „irgendwelche Flügel der Partei hereinzuwählen.“ Sparsamer Beifall. Und: „Ich finde den Parteitag zum Teil ein bisschen gespenstisch.“ Gar kein Beifall. Sigmar Gabriel hat immer noch nicht genug. „Die SPD kommt mir manchmal vor wie eine Kyffhäuser-Kameradschaft, immer mit den gleichen Gesängen“, sagt er und erspart den Delegierten auch nicht die Anekdote, dass sich bei ihm die Kyffhäuser-Kameradschaft beschwert habe, weil sie den Vergleich als despektierlich empfinde.

Eine Stunde später hat Gabriel die Quittung für seine Rede. Mit einem der besten Ergebnisse ist der niedersächsische Fraktionschef schon im ersten Wahlgang wieder in den 43-köpfigen Parteivorstand gewählt worden, also in das erweiterte Führungsgremium der Partei.

Wie das? Mag sich die SPD selbst nicht mehr? Will sie eine andere werden? Gibt es einen sozialdemokratischen Ort zwischen Ursula Engelen-Kefer und Reinhold Robbe, zwischen parlamentarischer Linke und rechten Seeheimern? Gabriel und mit ihm eine Gruppe von 40 noch fast jungen SPD-Politikern haben dafür ein „Netzwerk“ gebildet, und der Parteitag galt als erster Hinweis, wie stark die Gruppierung in der Partei verankert ist.

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