Wirtschaftsdebatte
Die große Kunst der Retourkutsche

Der Aufschwung hat an diesem Donnerstagmorgen viele Väter. Doch Michael Glos gehört nicht dazu. In seiner Zeit als CSU-Landesgruppenchef heizte der fränkische Müllermeister die eigenen Mannen zu Beginn von Bundestagsdebatten oft mit deftig-stimmungsvollen Beiträgen ein

HB BERLIN. Als Minister eröffnet der 61-Jährige die Aussprache über seinen Jahreswirtschaftsbericht merkwürdig emotionslos. Monoton liest er das Manuskript vor, spricht von Steuerquoten und Haushaltssanierung, verhaspelt sich beim Wort „Lohnzusatzkosten“, schulmeistert Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn für einen Zwischenruf und betet schließlich die Kabinettsbeschlüsse von Genshagen herunter.

So bleibt es Glos’ bayerischem Landsmann Ludwig Stiegler vorbehalten, in prallen Farben das Ende der politischen Trübsal auszumalen. „Sie hocken wie der Frosch im Glas ganz unten, während die Wirtschaft längst nach oben geklettert ist“, ruft der SPD-Fraktionsvize dem Liberalen Rainer Brüderle zu. Das positive Ifo-Stimmungsbarometer widerlege alle Pessimisten. Stieglers Botschaft ist klar: Die Sonne scheint wieder im winterlichen Deutschland.

Rund eine Stunde treibt die Debatte im Hohen Haus ähnlich gelangweilt daher wie die Eisschollen auf der Spree. Von rechts und links im Plenarsaal kommen die vorhersehbaren Einwürfe: Die FDP vermisst eine wirklich freiheitliche Wirtschaftspolitik, die Linkspartei moniert eine „Umverteilung von unten nach oben“. Doch an dem schwarz-roten Block prallt die Kritik spurlos ab.

Gerade hat SPD-Mann Stiegler ein geradezu poetisches Bild für die Regierungspartner gefunden, die „wie Fuchs und Rappe“ den Koalitionswagen ziehen und sich niemals „ineinander verbeißen“ würden, da endlich berührt die Aussprache den sensiblen Nerv des schwarz-roten Gespanns. „Nach fünf Jahren Stagnation geht es wieder aufwärts in Deutschland“, konstatiert Unions-Fraktionsvize Michael Meister. Wie selbstverständlich behauptet der CDU-Finanzexperte: „Der Regierungseintritt der Union macht sich bemerkbar!“ Da geht ein Raunen durch die SPD-Reihen. „Huihuihui“, rufen die Abgeordneten, und SPD-Wirtschaftsexperte Rainer Wend moniert, Meister habe die besseren Wirtschaftsdaten „etwas einseitig“ begründet. Eine „kleine Retourkutsche“ will er dem Koalitionspartner denn doch mit auf den Weg geben und zitiert aus dem Gutachten des Sachverständigenrates, der die „Fortsetzung des von Rot-Grün eingeschlagenen Reformkurses“ empfehle. Will sagen: Merkel erntet nur Schröders Früchte.

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