Zeitarbeit und Mindestlohn
Kollegin auf Zeit

Für die einen ist sie die Rettung schlechthin, für die anderen ein Nährboden für Lohndumping. Zeitarbeit ist der zentrale Wachstumsmotor auf dem deutschen Arbeitsmarkt, die Branche hat auch Chancenlosen wieder Jobs verschafft. Nun wollen SPD und Gewerkschaften mit Mindestlöhnen und gesetzlichen Hürden den Aufschwung bremsen. Ein Branchenportrait.
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Der letzte Chef wollte sich ihren Namen gar nicht erst merken. Wenn er ihr etwas auf den Schreibtisch legte, vermied er es einfach, sie direkt anzusehen oder anzusprechen. „Niemand hat sich dafür interessiert, wie ich heiße“, sagt Sabine Schweers. Es war ja sowieso klar, dass auf ihrem Stuhl in drei Tagen wieder eine andere hocken würde. „In manchen Unternehmen ist man als Zeitarbeiter austauschbar. Daran gewöhnt man sich.“

Doch beim nächsten Einsatz war alles anders. Als Sabine Schweers sich zum ersten Mal an ihren neuen Schreibtisch bei der Berliner Wohnungsgesellschaft BWG setzte, klebte ihr Name schon auf einem Schild am Telefon. Es dauerte nur eine Woche, bis sie sich eine Primel auf ihren Schreibtisch stellte. Zwei Wochen später nahm sie die Box mit ihren Lieblingsstiften mit ins Büro. Und als vier Wochen vergangen waren, schleppte sie ihre kleine Zen-Schale mit Kieselsteinen in die Firma. Sie war angekommen – und fühlt sich seither wie eine der anderen. Wie eine ganz normale Kollegin eben. Auch wenn das – genau genommen – gar nicht stimmt.

Sabine Schweers ist Zeitarbeiterin. Ihren Arbeitsvertrag hat sie bei der Berliner S&W Personalvermittlung unterschrieben. Seit acht Monaten ist sie nun bei der BWG als Buchhalterin im Einsatz. Ausgeliehen, um korrekt zu sein. Schweers verdient zwar deutlich weniger als ihre Kolleginnen am Nebentisch, die zur Stammbelegschaft gehören. Sie arbeitet anderthalb Stunden länger in der Woche als ihre Büro-Nachbarinnen und sie hat sechs Tage weniger Urlaub im Jahr. Aber sie hat wieder einen Job. Und das ist für sie das Wichtigste.

Bevor Sabine Schweers als Zeitarbeiterin anheuerte, war sie arbeitslos. „Nicht gerade erhebend für das Selbstbewusstsein“, sagt die 40-Jährige. Sie wollte nicht als ABM-Kraft beim Rübenzupfen versauern, sondern einen neuen Job. Und sie wollte nicht ewig darauf warten. So entdeckte sie im Internet ein Stellenangebot: „Sprungbrett Zeitarbeit“, stand da. Kurz darauf heuerte sie als Zeitarbeiterin an. Ihr erster Kunde war ein Verlag, danach hütete sie das Sekretariat eines Bauunternehmens, bis es sie zur BWG verschlug. „Man hat immer die Hoffnung“, sagt Schweers, „dass man irgendwo landet, wo man bleiben kann.“

In Deutschland arbeiten über 700 000 Menschen in Zeitarbeitsunternehmen. Die Zeitarbeit boomt. Nirgendwo sonst entstehen so viele Stellen. Von den 800 000 neuen Jobs, die im Aufschwung der Jahre 2006 und 2007 insgesamt geschaffen wurden, gehen 37 Prozent auf den Anstieg der Zeitarbeit zurück, errechnete das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn (IWG). Mehr als 60 Prozent der Zeitarbeiter waren zuvor arbeitslos. Sie müssen flexibel sein, dürfen aber auf den Job für immer hoffen. So stellt die Bundesagentur für Arbeit fest, dass jeder dritte Zeitarbeiter von seinem Kundenunternehmen oder einem anderen Betrieb übernommen wird.

Allerdings spaltet die Zeitarbeit die Gemüter. Für Arbeitgeber und Ökonomen ist sie die Rettung schlechthin, ein willkommenes Instrument, um den Kündigungsschutz zu umgehen und den verkrusteten Arbeitsmarkt aufzubrechen. Eine neue Zukunft für Arbeitslose, die sich längst aufgegeben hatten, und eine letzte Chance für gering Qualifizierte und schwer Vermittelbare. 40 Prozent der Zeitarbeiter sind Hilfskräfte. Für die Gewerkschaften indes ist die Zeitarbeit gerade deshalb das Schmuddelkind des Arbeitsmarktes, ein Sündenfall der Hartz-Reformen, ein Nährboden für Lohndumping und Unterdrückung.

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