Zumwinkel und die Staatsanwältin
Margrit Lichtinghagen: Der Fall der Verfolgerin

Die Staatsanwältin Margrit Lichtinghagen, die Klaus Zumwinkel auf die Spur gekommen ist und seinen Liechtensteiner Konten, wird zwangsversetzt. Sie stolpert über eigene Fehler, Misstrauen und Eifersucht.

DÜSSELDORF. Noch am 18. Juli wirkte sie wie immer. Wie üblich sprach sie mit lauter, energischer, leicht rauchiger Stimme. Sie prangerte an: Gier, mangelndes Unrechtsbewusstsein, den „Volkssport Steuerhinterziehung“. Es war ihr Plädoyer im Strafverfahren gegen Elmar S., den ersten Liechtenstein-Sünder, der in Bochum wegen Steuerhinterziehung abgeurteilt wurde. Da agierte Margrit Lichtinghagen, die Staatsanwältin, wie sie immer agierte: offensiv, klar, deutlich.

Anfang November aber, als das Handelsblatt sie mit dem Wissen konfrontierte, dass der prominenteste Liechtenstein-Täter, Ex-Postchef Klaus Zumwinkel, am nächsten Tag angeklagt werde, da wirkte die 54-Jährige geradezu ängstlich. „Nein, das dürfen Sie nicht schreiben“, rief sie flehentlich drohend in den Hörer. Später musste ein überrumpelt und nicht gerade erfreut wirkender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Bochum zugeben, dass die Information richtig war. Nachdem er sie Stunden zuvor noch dementiert hatte.

Wusste Margrit Lichtinghagen zum Zeitpunkt des Telefonats schon, dass sie einen Fehler begangen hatte, der sie beschädigen würde?

Lichtinghagen, so ist heute aus Justizkreisen zu hören, soll damals die Anklageschrift gegen Zumwinkel an den zuständigen Richter Wolfgang Mittrup weitergereicht haben, ohne ihre Vorgesetzten darüber zu unterrichten. Sie soll die Anklageschrift wie einen Augapfel gehütet und nur noch von Hand zu Hand weitergereicht haben. Eine Vorsichtsmaßnahme, die so geheim blieb, dass sie die eigenen Presseleute in Bedrängnis brachte – und die nun einer der Gründe dafür ist, dass sie zwangsversetzt werden soll.

Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Justizministerium wird Lichtinghagen zwar nicht vom Fall Zumwinkel abgezogen, der in Bochum verbleibt. Die bisherige Chefermittlerin soll aber später zusammen mit den restlichen Liechtenstein-Verfahren nach Köln wechseln. „Allerdings haben sich in den letzten Tagen schwerwiegende Vorwürfe gegen Frau Lichtinghagen ergeben, die bis Anfang nächster Woche geklärt werden müssen. Dann wird eine endgültige Entscheidung getroffen“, heißt es im Ministerium.

Es ist ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang, und es gibt unterschiedliche Sichtweisen auf diesen Fall Lichtinghagen, der eigentlich der Fall Zumwinkel ist. Als Klaus Zumwinkel am 14. Februar dieses Jahres in seinem Haus im Kölner Stadtteil Marienburg kurzzeitig verhaftet wurde, weil er Millionen vor dem deutschen Fiskus in einer liechtensteinischen Stiftung versteckt hielt, da stapfte sie hinter ihm aus der Villa. Eine Frau von durchschnittlicher Größe, mit gewelltem Haar, kräftiger Figur.

Trotz des Coups, einen so prominenten Verdächtigen im Netz zu haben, sieht Margrit Lichtinghagen an diesem Tag nicht sonderlich zufrieden aus. Wahrscheinlich liegt es daran, dass überhaupt Bilder von ihr auf dem Zumwinkel-Anwesen existieren. Jemand hatte das ZDF und den WDR von der Aktion informiert. Die Staatsanwaltschaft Bochum schwört bis heute Stein und Bein, dass der Hinweis nicht aus ihren Reihen kam.

Von da ab aber war der Fall Zumwinkel kein normaler Fall mehr. Er wurde zu einem Politikum, was die Arbeit der Bochumer Ermittler nicht leichter machte. Selbst Bundesfinanzminister Peer Steinbrück schaltete sich ein, rief Steuersünder zur Selbstanzeige auf – und bescherte den Fahndern weiteren Ärger. Denn zu diesem Zeitpunkt war eine Selbstanzeige in den Augen der Staatsanwälte rechtlich schon nicht mehr möglich.

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