Bürger beteiligten sich
Wie man einen Weltkrieg finanziert

Geld war für den Ausgang des Ersten Weltkriegs mitentscheidend. Um dieses zu beschaffen, hatten die Länder verschiedene Strategien. Aus den Fehlern, die Sparer und Zentralbanker machten, kann man vieles lernen.
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DüsseldorfRudolf Havenstein war großzügig und freundlich – Eigenschaften, die nicht zu den Klischees eines preußische Staatsmannes. Die Integrität des gelernten Juristen war unangefochten. Doch er war der „vermutlich schlechteste Zentralbankchef aller Zeiten“, wie der renommierte Historiker Neil Irwin in seinem Buch „Die Alchemisten“ schreibt.

Die Reichsbank wurde 1876 gegründet – also nur wenige Jahre nach dem Reich selbst. Und sie spielte eine wichtige Rolle beim Aufstieg des Landes zur Wirtschaftsmacht. Havenstein übernahm den Chefposten 1908 – da war das Finanzsystem schon weitgehend modernisiert und die Beamten gerade dabei, Gold-, Silber- und Kupfermünzen durch Papiergeld zu ersetzen.

Nach sechs Jahren im Amt hatte Havenstein die ehrenvolle Aufgabe, die Finanzierung eines Krieges sicherzustellen. Am 18. Juni 1914, zehn Tage bevor Österreichs Erzherzog Franz Ferdinand erschossen wurde, rief er die mächtigen Chefs der Privatbanken zusammen. Einige mögen es als Bitte verstanden haben, was Havenstein von ihnen verlangte, andere als Drohung: Die Geldhäuser sollten die liquiden Mittel im Finanzsystem in den kommenden drei Jahren verdoppeln. Und sie sollten dafür sorgen – das Problem gab es damals schon –, dass dieses Geld auch wirklich in der Volkswirtschaft zirkulierte und nicht bei den Banken herumlag.

Im September 1914, also einige Wochen nach Kriegsbeginn, appellierte Havenstein auch an die Bürger und ihren Patriotismus. Er forderte die Deutschen auf, ihre Goldmünzen und Juwelen gegen von der Reichsbank ausgegebenes Papiergeld einzutauschen. Die Städte wurden Plakate aufgehängt, auf denen stand: „Gold für das Vaterland!“ oder „Gold für unsere Verteidigung!“ Erstaunlich viele Bürger unterlagen der Propaganda und folgten den Aufrufen. Wichtig in diesem Zusammenhang war die Arbeit der Zensur, die dafür sorgte, dass die Menschen nichts vom Verfall ihres Geldes mitbekamen. Vor dem Krieg war die Mark umgerechnet 4,2 Dollar wert, 1918 nur noch 7,4 Mark. Die Inflation stieg, aber noch war sie nicht dramatisch hoch.

Der Historiker Neil Irwin urteilt: „Deutschland war nun ein Land, in dem das Geld keine Goldmünze mehr war, sondern ein Stück Papier, für das die Menschen jedes Jahr weniger kaufen konnten.“ 1918 beliefen sich die Kriegsausgaben auf 50 Milliarden Mark – mehr als elf Mal so viel als im Friedensjahr 1913. Von vornherein war klar, dass die Schulden nur zurückzuzahlen waren, wenn Deutschland den Krieg gewänne. Und selbst dann wäre die Rückkehr in die Friedenswirtschaft enorm schwierig gewesen.

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Finanzschwäche war für die Niederlage mitendscheidend

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