20 Jahre
Tiananmen: Das große Schweigen

Einbetoniert, weggeschafft und abgehört: Auch 20 Jahre nach der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung unterdrückt Chinas Führung die Vergangenheitsbewältigung. Doch manche Chinesen wollen nicht vergessen, wie im Juni 1989 rund um den Platz des Himmlischen Friedens die Freiheit von Soldaten und Panzern verjagt wurde - eine Spurensuche.

PEKING/TAIPEH. Sie stehen noch heute dort, die niedrigen Hecken mit den Geranienbüscheln davor. Wie vor 20 Jahren, am Abend des 3. Juni 1989, als an der U-Bahn-Station von Muxidi das Chaos über Peking hereinbrach. "Er muss dort am Nordeingang gelegen haben", sagt Ding Zilin, 72. Sie sitzt in ihrer Wohnung, die ist nur ein paar Hundert Meter entfernt, und streicht sich zitternd durchs graue Haar. Sie kämpft mit den Tränen. An jenem Abend wurde ihr 17-jähriger Sohn in den Rücken geschossen. Er starb hinter dem Beet vor der U-Bahnstation, wo er vor den Soldaten Deckung gesucht hatte.

"Sein Schulfreund war dabei und hat es mir am nächsten Morgen, am 4. Juni 1989, berichtet", sagt seine Mutter. Das Blumenbeet direkt am Eingang haben sie weggemacht, sagt sie, und auch die Hecke, hinter der ihr Junge in Deckung ging, ist unter Asphalt verschwunden. Nichts soll an die Wahrheit von 1989 erinnern, so will es Chinas Regierung.

So gerät langsam in Vergessenheit, was sich in jener Juni-Nacht 1989 an der Muxidi-Station vor den Häusern Nummer 20 und 22 abgespielt hat, als Panzer den Fuxingmenwai-Boulevard hinunterrollten, der direkt zum Tiananmen-Platz führt, wo Studenten und Bürger die kommunistische Regierung sechs Wochen lang herausforderten. Bis die Führung um Deng Xiaoping die Panzer schickte. Aus Westen, über den Fuxingmenwai-Boulevard, rückten sie vor.

An der Muxidi-Brücke versuchten Bürger, die 38. Armee zu stoppen. Nur zehn Minuten sollen die Barrikaden gehalten haben, dann fielen Schüsse. Diesmal nicht in die Luft. Bis heute ist es Staatsgeheimnis, wie viele Menschen 1989 beim sogenannten Tiananmen-Massaker ums Leben kamen. Offiziell waren es nur ein paar Dutzend. Andere Quellen schätzen viele Tausend Opfer - Studenten, Bürger, Soldaten.

Sicher ist, dass es hier in Muxidi, fünf Kilometer westlich von Tiananmen, die meisten Toten gab. Gegen das Erinnern lässt die Regierung bauen. An der U-Bahn hat der Architekt Jean-Marie Duthilleul ein modernes Gebäude aus Glas und Beton errichtet - Pekings neues Stadtmuseum. "Vergangenheit und Gegenwart" sollen sich hier verbinden, wirbt ein Prospekt. Doch in Pekings "Haus der Geschichte" gibt es keinen einzigen Hinweis auf die blutigen Stunden, als Soldaten - quasi vor der Tür - auf Bürger schossen.

DER REFORMER

Nur eine U-Bahnstation stadtauswärts von Muxidi wohnt Bao Tong. Durch eine Nebenstraße, dann vorbei am Gemüsemarkt, dort steht der karge Wohnblock, in dem der damalige KP-Funktionär lebt. Im düsteren Eingang steht ein Schreibtisch mit Radio, Lampe und Teekocher. Dahinter sitzt, wie immer, ein Polizist der Staatssicherheit, der die Namen und Passnummern aller Besucher für den "Herrn im 6. Stock" notiert.

Die Tür zum Lift öffnet sich. Bao kommt in Hausschuhen über den Kachelboden der Eingangshalle geschlurft. "Habt ihr alles?" fragt der 76-Jährige den Zivilpolizisten.

Seite 1:

Tiananmen: Das große Schweigen

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%