51 Tote durch Angriff
Israel bombt sich ins Abseits

Mit dem blutigen Angriff auf das südlibanesische Dorf Kana hat sich Israel einen Bärendienst erwiesen: Angesicht der 51 getöteten Dorfbewohner sind auch die letzten Kritiker der radikalen Hisbollah-Miliz im Libanon verstummt, und die Miliz lässt erkennen, dass eine Einigung nun noch weiter entfernt ist als zuvor.

HB BEIRUT. Auf der Straße vor dem UN-Gebäude in der Beiruter Innenstadt stehen im Gedränge der Demonstranten Mädchen im schwarzen Tschador neben jungen Männern mit Tätowierungen auf den Armen. „Wenn uns Scheich Hassan Nasrallah ruft, dann werden auch wir Frauen in den Kampf ziehen“, sagt eine von ihnen. Die anderen jungen Frauen nicken stumm. Eine alte Frau weint, als der Redner von der Hisbollah über die Kinder spricht, die an diesem Sonntagmorgen nach einem israelischen Luftangriff aus den Trümmern eines Hauses im südlibanesischen Kana gezogen wurden.

Den ganzen Tag lang zeigt das libanesische Staatsfernsehen die Bilder der Opfer. „Als ich diese Bilder von den toten Kindern, Frauen und alten Männern gesehen habe, da musste ich einfach herkommen, um meine Solidarität zu zeigen“, sagt Norma Churi. „Jeder richtige Libanese unterstützt jetzt den Widerstand“, erklärt die Frau aus dem Beiruter Christenviertel Aschrafije. Sie findet es richtig, dass die Regierung den Besuch von US-Außenministerin Condoleezza Rice abgesagt hat: „Sie hat uns ohnehin nichts anzubieten, warum soll sie dann überhaupt kommen.“

Der christliche Oppositionsführer Michel Aoun meint, Rice könne als „unverheiratete Frau wohl nicht nachempfinden, was eine libanesische Mutter fühlt, die sieht, wie in Kana die Kinder getötet werden“. Staatspräsident Émile Lahoud macht die internationale Gemeinschaft für den Tod der Menschen in Kana mit verantwortlich, „weil der Staat Israel für die Massaker, die er verübt, nie von den Vereinten Nationen zur Rechenschaft gezogen wird“.

Die Stimmung in Beirut ist am 19. Tag der Kämpfe auf dem Siedepunkt angelangt. Selbst die Kritiker der Hisbollah, die der pro-iranischen Schiiten-Partei vorwerfen, sie habe dem ganzen Land durch die Verschleppung von zwei israelischen Soldaten einen Krieg aufgezwungen, sind jetzt erst einmal verstummt. „Ich bin kein Schiit und ich komme nicht aus dem Süden“, ruft der 32 Jahre alte Demonstrant Omar. Der Buchhalter, der mit seinem akkurat gebügelten Hemd unter den muskelbepackten jungen Demonstranten aus den Schiiten-Vororten auffällt, stottert, weil er seinen Zorn kaum in Worte fassen kann: „Ich muss protestieren, ... weil das, was die Israelis heute getan haben, kein Versehen war, jeder wusste, dass in dem Schutzraum nur Zivilisten waren.“ Der bisher folgenschwerste israelische Angriff seit Beginn des Krieges schweißt die Libanesen zusammen. Gleichzeitig sinken die Chancen auf eine schnelle Lösung des Konfliktes.

Parlamentspräsident Nabih Berri, der momentan als eine Art Mittelsmann für die Hisbollah auftritt, erklärt indirekt, die Bedingungen für eine Einigung seien nach dem „Massaker von Kana“ nun höher als noch vor einigen Tagen. Er fordert eine sofortige Waffenruhe und eine Untersuchung des Angriffs auf die Zivilisten in Kana. Außerdem sagt er, es gebe jetzt „neue Bedingungen für den Gefangenenaustausch“ zwischen Israel und der Hisbollah.

Eine baldige Waffenruhe kann nach Ansicht der meisten Beobachter in Beirut aber nur erreicht werden, wenn die US-Regierung Druck auf Israel ausübt. „Wenn das nicht geschieht, dann kann der Krieg noch lange dauern“, meint ein Hisbollah-Sympathisant. „Denn die Israelis wollen von einer Position der Stärke aus mit uns verhandeln und diese Position werden sie auf dem Schlachtfeld so schnell nicht erreichen“, fügt er hinzu.

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