Allein 2004 fielen 3 200 Menschen dem Terror zum Opfer
Netzwerk der El Kaida bleibt aktiv

New York, Madrid und jetzt London: Die Serie terroristischer Anschläge auf westliche Metropolen reißt nicht ab. Immer häufiger gerät Europa ins Visier. Die Parallelen der Explosionsserie in London zu den Anschlägen auf die Pendlerzüge in Madrid sind unübersehbar. Im März 2004 fielen dort knapp 200 Menschen mehreren zeitgleichen Bombenanschlägen im Berufsverkehr zum Opfer.

HB DÜSSELDORF.Drei Tage nach den Explosionen bekannte sich die Terrororganisation El Kaida zu den Anschlägen. Gestern zeichnete die „Geheimorganisation – El Kaida in Europa“ für die Anschläge in London verantwortlich.

An Warnungen hat es nicht gefehlt, nicht zuletzt von El Kaida selbst. Die britische Hauptstadt war seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 extrem gefährdet. Die U-Bahn von London galt für Experten als potenzielles nächstes Ziel der Terroristen. Bereits im Herbst 2002 nahm Scotland Yard drei Verdächtige fest, die einen Anschlag auf die Londoner U-Bahn geplant hatten. Im Frühjahr 2003 stand der Londoner Flughafen Heathrow nach Terrorwarnungen kurz vor der Schließung. Im August vergangenen Jahres meldete die Londoner Polizei die Verhaftung des ranghohen und für Europa zuständigen El-Kaida-Mitglieds Abu Elisa el Hindi.

Nur drei Wochen vor der britischen Parlamentswahl warnte der Londoner Polizeichef Ian Blair am 17. April vor Anschlägen durch das El-Kaida-Netzwerk. Nach Aussage eines führenden Terrorismusexperten sollen sich in diesem Frühjahr rund 200 El-Kaida-Terroristen in Großbritannien aufgehalten haben. Sir John Stevens, der einst ranghöchste Polizist im Königreich, hatte in den vergangenen Jahren mehrfach behauptet, ein Anschlag auf London sei „unabwendbar“. Nach seinen Worten gebe es mehrere Netzwerke militanter Extremisten, die bei Terrorchef Osama bin Laden ausgebildet worden seien.

Der Krieg gegen den Terror ist ein globaler Kampf gegen einen unsichtbaren, aber namentlich bekannten Gegner. Fast täglich sterben Dutzende Menschen durch den Terror, vor allem im Irak. Allein im Jahr 2004 fielen nach Angaben des US-Außenministeriums fast 3 200 Menschen dem Terror zum Opfer. Die „Hydra“ El Kaida mag inzwischen viele ihrer prominenten Köpfe verloren haben. So wurde im Mai ihre mutmaßliche Nummer drei, Abu Faradsch el Liby im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet verhaftet. Im Februar gab die belgische Polizei die Verhaftung des Europa-Sprechers von El Kaida, Youssef Belhadj bekannt.

Dennoch ist die Organisation weiter in der Lage, komplexe Anschläge zu verüben. Die Tatsache, dass die Gruppe drei Viertel ihrer Anführer verloren hat, macht sie möglicherweise umso gefährlicher. Es werde „viele Madrids und Casablancas“ geben, befürchtete Ende 2004 der ehemalige CIA-Offizier und Psychiater Marc Sageman, der 400 Biografien von El-Kaida-Kämpfern ausgewertet hat. Sein Albtraum seien die Kämpfer in London, Kuala Lumpur oder Aden, die Attentate über das Internet und die Dschihad-Seiten planten, sagte Sageman in Washington. Das Problem dabei: Die Konspiratoren hinterlassen im digitalen Netzwerk kaum noch Spuren und nehmen zunehmend „weiche Ziele“ ins Visier.

Die USA haben mit extremer öffentlicher Wachsamkeit weitere Anschläge auf ihr Territorium nach dem 11. September verhindert. Daher operieren die Splittergruppen heute weltweit: Schwere Anschläge hat es in den vergangenen Jahren in Marokko und Tunesien, in Saudi-Arabien und Indonesien, in Tschetschenien und in der Türkei gegeben. Dabei sind auch britische Institutionen Ziel von Terroristen gewesen. Bei Anschlägen auf das britische Generalkonsulat und das Gebäude der Hongkong and Shanghai Banking Corporation (HSBC) in Istanbul starben 2003 mehr als 30 Menschen.

Das Netzwerk der in Europa aktiven islamischen Extremisten ist komplex gewoben. Nicht nur in London halten sich potenzielle Terroristen auf, auch nach Deutschland, Italien und Spanien führen die Spuren. Die Polizeibehörden haben daher die grenzüberschreitende Kooperation seit dem 11. September massiv ausgeweitet und stehen in ständigem Kontakt mit den US-Behörden. Die EU setzte einen Sonderbeauftragten zur Terrorbekämpfung ein. Terrorgruppen wie El Kaida können nach Auffassung von Experten dennoch für weitaus größere Anschläge in Betracht kommen. Nach Einschätzung des renommierten Londoner Instituts für Internationale Strategische Studien könnten sie sogar in den Besitz von Atomwaffen gelangen.

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