Analyse zum Islam
Warum so viel Gewalt?

Immer neue Gewalttaten im Namen des Islam haben die gesamte Religion in eine Legitimationskrise gestürzt. Was genau ist durch den Koran gedeckt – und was nicht? Selbst Experten streiten sich über die Auslegung.
  • 57

KairoSeit Monaten hält eine Welle bestialischer Verbrechen die Welt in Atem - verübt im Namen des Islam, wie die Täter deklamieren. In Syrien enthaupteten die Terroristen westliche Geiseln. In Irak und Syrien massakrierten sie Tausende Opfer. In Pakistan ermordeten sie 132 Schulkinder, in Kanada exekutierten sie einen Soldaten im Zentrum von Ottawa. In Sydney nahmen sie australische Cafébesucher als Geiseln. In Nigeria löschten sie Dutzende Dörfer aus – und in Paris töteten sie jetzt 17 Menschen im Büro von „Charlie Hebdo“ und in einem jüdischen Supermarkt.

Wie ist diese spektakuläre Häufung religiös motivierter Gewalttaten zu erklären? Wie gewalttätig ist der Islam? Und was könnte in den nächsten Jahren an Horror auf die Menschheit zukommen?

Von Lehrfundament und Ethos her ist der Islam nicht gewalttätiger als Christentum und Judentum – so der überwiegende Konsens unter den Fachleuten. Passagen, die von Gewalt oder Krieg reden, sind im Koran ähnlich selten wie in der Bibel. Und trotzdem erfährt der Islam, vor allem der sunnitische Islam, derzeit die schwerste Legitimationskrise seiner modernen Geschichte. Denn so wie er sich heutzutage als religiöse Institutionen organisiert, kann der Islam gegen die Fanatiker in den eigenen Reihen seine Kernbotschaft nicht mehr kohärent formulieren.

Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Sind Selbstmordattentäter Massenmörder oder Aspiranten für das Paradies? Ist das Abschlagen von Kopf und Gliedmaßen, das Auspeitschen bei religiösen Verstößen Lehre des Islam oder nicht?

Und: Warum ist der Eintritt in den Islam frei, der Austritt dagegen nach der Scharia mit dem Tode bedroht? Warum werden Frauen im islamischen Personenstandsrecht bis heute diskriminiert? Warum dürfen Nicht-Muslime nicht nach Mekka und Medina? Warum dürfen Christen auf dem Boden von Saudi-Arabien, dem Ursprungsland des Islam, keine Kirchen bauen und noch nicht einmal Gottesdienst feiern? Und wie hält es die islamische Doktrin mit der modernen Toleranz gegenüber Andersgläubigen oder Nichtgläubigen?

„Die Islamisten haben im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben schlicht die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert“, urteilt der Palästinenser Ahmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Ihre Haltung zum Umgang mit „Ungläubigen“, zur religiösen Gemeinschaft der Muslime oder zur Rolle von Mann und Frau unterscheide sich nur graduell, nicht prinzipiell. Insofern verdankten die radikalen Strömungen ihre Gefährlichkeit nicht so sehr der Differenz zum „normalen“ Islam als vielmehr der Ähnlichkeit.

Kommentare zu " Analyse zum Islam: Warum so viel Gewalt?"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wie man den Islam auch immer beurteilen will, eines sollte klar sein: Mohammed, der Prophet der Muslime, wollte die Welt mit dem Schwerte missionieren und das ist auch geschehen und hat sich bis heute nicht geändert. Ferner sind nach wie vor Kalifen als weltliche Herrscher die obersten Instanzen aller Gläubigen, damit ist der Koran bzw. die Scharia auch das staatliche Grundgesetz. Ohne Gewalt ist das wohl kaum denkbar. Und jeder sollte Bedenken, was der Islamforscher Tilman Nagel feststellt: Das sei auch eindeutige Auffassung der hiesigen Islamischen Verbände, die neuen Freunde der Merkel, die also in unserer Welt noch gar nicht mal angekommen sind. In den anderen monotheistischen Religionen, dem Juden- und Christentum, ist das Alte Testament einem rächenden Gott geweiht, der seine Herrschaft nach langem Kampfe gegen zahlreiche andere Religionen errichten konnte. Diese Gewalt ist aber seit der Zerschlagung des Judentums durch Titus, den Römer, im Jahre 76 n.Chr. erloschen. Das Christentum hat im Urchristentum an Stelle der Gewalt die Gnade Gottes gesetzt, die Jesus gepredigt hat. Beispiele sind der römische Bischof Hippolyte (170-235 n.Chr.), der in seinem Kampf gegen die gewaltsamen römischen Götter und ihrer Militärs in den Steinbrüchen zu Tode gefoltert wurde. Erst der vom Saulus zum Paulus gewandelte Christ hat in einem Konkordat mit der römischen Kampfmaschine Frieden geschlossen – es ist weder bekannt, ob er dafür gefoltert oder belobigt worden ist. Die Christen haben aber auf dieser Basis in den letzten 1000 Jahren bis zur Säkularisierung eine Gewaltherrschaft ausgeübt, die der der Moslems sicher in nichts an Grausamkeit nachsteht. Aber jetzt sind sie eben säkularisiert und damit entschärft, was man von den Moslems noch nicht behaupten kann.

  • Mit seinen Bezügen zum Faschismus hat Abdel-Samat Recht. Man muß nur die Wikipedia - Beiträge über die beiden "Geistesgrößen" des Islam im vorderen Orient lesen, nämlich den Großmufti Amin al-Husseini und Hassan al-Banna, von denen Arafat und die Intifada sowie die Muslimbruderschaften zehren bei der Fortsetzung des Wannseeprogramms der Nazis von 1942 im vorderen Orient. Wer aber einen wissenschaftlich fundierten Beitrag über Mohammed lesen will, nehme "20 Kapitel über den Propheten der Muslime" des emeritierten Göttinger Islamforschers Tilmann Nagel zur Hand. Er gehört sogar noch zu den Islamwissenschaftlern, die an die tatsächliche Existenz Mohammeds glauben, für die es bekanntlich keine eindeutigen Belege gibt.

  • Langsam ist auch bei uns wieder Aufklärung angesagt. Durch unsere einheitlich berichtenden Medien werden die Nutzer inzwischen mehr verklärt. Und wenn man die Menschen in der Öffentlichkeit beobachtet, gehen, sitzen und stehen sie über digitales Gerät gebeugt. Da besteht doch ganz berechtigt die Befürchtung, dass der Bildungshorizont doch bereits am Rand des Displays endet. Wie leicht ist es doch unsere westlichen Aktivitäten immer nur positiv darzustellen. Wir gehören einfach zu den Guten auf der Welt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%