Annäherung in Moskau
Erdogan sucht Schulterschluss mit Putin

Vor kurzem herrschte noch offene Feindseligkeit zwischen Russland und der Türkei. Doch davon ist nichts mehr zu spüren. Beim Besuch in Moskau hat Kremlchef Putin für Präsident Erdogan eine Überraschung parat.
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MoskauMit einer Geste der Entspannung hat Russland den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan empfangen. Als Zeichen der Wiederannäherung lockerte die russische Regierung ein Einfuhrverbot für Obst und Gemüse. Unter anderem dürfen wieder Zwiebeln, Nelken, Blumenkohl und Brokkoli aus der Türkei nach Russland geliefert werden. In Kraft bleibt Berichten zufolge aber ein Importverbot für Tomaten, eines der wichtigsten türkischen Exportprodukte.

Es ist Erdogans zweiter Besuch in Russland seit August 2016. Geplant waren auch Gespräche zahlreicher Regierungsvertreter beider Länder. Der Abschuss eines russischen Kampfjets durch das türkische Militär 2015 hatte zu einem Zerwürfnis zwischen Moskau und Ankara – und schließlich auch zu den Sanktionen – geführt. Seit Sommer 2016 stehen die Zeichen aber wieder auf Partnerschaft. Russische Experten sagen, dass Erdogan auch wegen der Spannungen mit dem Westen den Schulterschluss mit Moskau suche.

Hauptthema ihres Treffens ist der Syrien-Konflikt. Einen so vertrauensvollen Dialog Russlands mit der Türkei zu Syrien habe niemand zuvor erwartet, sagte Putin vor dem Treffen mit Erdogan. „Wir sind sehr froh, dass wir unsere Verbindungen so schnell wiederherstellen können“, sagte er. Beide wollen eigenen Angaben zufolge weiter aktiv an einer Lösung für den Syrien-Krieg arbeiten.

Russland und die Türkei treten als Garantiemächte für die Ende Dezember vermittelte Waffenruhe auf. Zudem brachten sie Friedensgespräche zwischen Assads Regierung und der Opposition abseits der von der Uno vermittelten Verhandlungen auf den Weg. Die dritte Runde dieser Gespräche soll kommende Woche in Astana stattfinden.

Zwar unterstützen beide Länder unterschiedliche Konfliktparteien in dem seit 2011 andauernden Bürgerkrieg in Syrien, denn Moskau steht an der Seite von Präsident Baschar al-Assad, während die Türkei seine Feinde unterstützt. Doch die allgemein wieder verbesserten Beziehungen zwischen beiden Ländern führten auch zu einer immer engeren Zusammenarbeit im Syrien-Konflikt. Dort koordinieren sie unter anderem auch ihre Einsätze gegen die Terrormiliz Islamischer Staat.

Zu Wochenbeginn waren die Militärchefs der beiden Länder mit ihrem US-Kollegen zusammengetroffen, um sich im türkischen Antalya bei ihren Militäroperationen besser abzustimmen und gegenseitiges Misstrauen abzubauen. Alle drei Länder unterstützen unterschiedliche Gruppen, die alle im Kampf um die Rückeroberung von Al-Rakka, der De-facto-Hauptstadt des IS, beteiligt sind.

Erdogan betonte am Freitag in Moskau außerdem, dass vor allem die großen gemeinsamen Energieprojekte gut voran kämen. Russland will die Gaspipeline Turkish Stream durch das Schwarze Meer und das Kernkraftwerk Akkuyu im Süden der Türkei bauen. Über Turkish Stream will Russland Erdgas auch nach Südeuropa verkaufen.

Weiteres Signal der Annäherung: Die russische Billigairline Pobeda kündigte an, dass sie von Freitag an Linienflüge in die Türkei anbiete. Die erste Maschine von Moskau in den Badeort Alanya solle am 21. April starten, teilte die Fluggesellschaft der Agentur Tass zufolge mit. Pobeda gehört zum staatlich kontrollierten russischen Marktführer Aeroflot. Nach dem Abschuss des Militärjets waren neben den Sanktionen auf Lebensmittel auch Charterflüge in das bei Russen beliebte Reiseland Türkei eingestellt – was den Tourismus in der Türkei hart traf.

Agentur
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dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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  • @ Frau Paula Friedrich ... " Müssen dann die jungen Türken zum Militär und möglicherweise nach Syrien?"

    Soweit Türken die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen ist § 28 des Staatsangehörigkeitsgetzes zu beachten.

    Wortlaut :
    Ein Deutscher, der auf Grund freiwilliger Verpflichtung ohne eine Zustimmung des Bundesministeriums der Verteidigung oder der von ihm bezeichneten Stelle in die Streitkräfte oder einen vergleichbaren bewaffneten Verband eines ausländischen Staates, dessen Staatsangehörigkeit er besitzt, eintritt, verliert die deutsche Staatsangehörigkeit. Dies gilt nicht, wenn er auf Grund eines zwischenstaatlichen Vertrages dazu berechtigt ist.

    Fazit :
    Türken mit türkischem Pass werden Militärdienst leisten müssen, worunter dann auch die Türken fallen, die in D ausgebürgert werden

  • Glauben da zwei schwache sich in der defensive befindenden Despoten durch ihren Zusammenschluss Stärke zu erzeugen? Was in der Wirtschaft nicht funktioniert, funktioniert bei Staaten schon gar nicht.

  • @ Novi Prinz10.03.2017, 16:51 Uhr

    Dieser Wadenbeisser mußte nur nach oben gepuscht werden, damit er bekannt wird und im ÖR richtig ankommt. Er war aber kein Staatspräsident eines verbündeten Staates. In Griechenland war es auch die Boulewardpresse und nicht der Staatspräsident. Auch wenn ich von Erdogan nichts halte, aber ein Unterschied zu griechischen Revolverblättern und einem deutschen (Überlegungen über seine Qualifikation verkneife ich mir) besteht doch wohl. Zumindest ist er deutlich gefährlicher.

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