Anschläge in Frankreich
Seit Charlie Hebdo ist das Land im Ausnahmezustand

Die Attentäter von Paris sind Glieder einer tragischen Kette: Noch frisch sind die Erinnerungen an Charlie Hebdo, den Angriff auf einen jüdischen Supermarkt, den Anschlag im Thalys – und schon kehrt der Terror zurück.

ParisAnfang Januar haben die beiden Terror-Brüder Chérif und Saïd Kouachi und ihr Helfer Amedy Coulibaly nicht nur Frankreich, sondern die ganze Welt erschüttert mit ihren Angriffen auf die Redaktion der satirischen Wochenzeitung Charlie Hebdo, eine Polizistin und einen jüdischen Supermarkt. Man könnte meinen, in den folgenden Monaten sei Frankreich von weiterem Terror verschont geblieben, bis zum Anschlag im Thalys-Zug und dann dem grauenhaften Massaker am vergangenen Freitagabend in Paris. Doch in Wirklichkeit ist Frankreich nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Die Kette der Attentate und der gescheiterten oder vereitelten Anschläge ist seit dem 7. Januar nicht abgerissen. Am 3. Februar kam es zu einer Messerattacke auf drei Soldaten in Nizza. Was zunächst wie die Tat eines Verwirrten wirkte, entpuppte sich als politisch motivierter Anschlag. In der Untersuchungshaft äußerte der Täter seinen Hass auf Frankreich und seine Gesellschaft als Motiv.

Viereinhalb Monate später entführte in der Nähe von Lyon der Lieferwagenfahrer Yassin Salhi seinen Chef, enthauptete ihn und versuchte dann, sich mit seinem Fahrzeug in einer Chemiefabrik in die Luft zu sprengen. Der Versuch missglückte, Salhi wurde überwältigt. Zuvor hatte er am Zaun der Fabrik den Kopf seines Opfers und eine islamistische Fahne befestigt.

Am 21. August steigt Ayoub El Khazani in den Schnellzug Thalys von Brüssel nach Paris. In Nordfrankreich stürmt er mit einer Kalaschnikow in ein Abteil und schießt um sich. Zwei amerikanische Soldaten auf Urlaub und ein Franzose können ihn überwältigen und damit verhindern, dass er ein Massaker verübt. Der 26-jährige Marokkaner El Khazani wird von den spanischen Sicherheitsbehörden als gefährlicher, radikaler Islamist geführt. Doch selber schweigt er zu seinen Motiven.

Mehrere weitere Anschläge waren in Planung und wurden rechtzeitig entdeckt oder die Täter scheiterten. Der skurrilste Fall ist der des 24-jährigen Algeriers Sid Ahmed Ghlam, der am 19. April eine katholische Kirche im Pariser Vorort Villejuif angreifen wollte. Vorher ermordete er eine Fitnesstrainerin und schoss sich ins Bein. Er alarmierte selber einen Rettungswagen und sagte, beim Hantieren mit einer Waffe habe sich versehentlich ein Schuss gelöst. Misstrauisch geworden, alarmieren die Sanitäter die Polizei. Ghlam, den sein Bruder als radikalisierten Islamisten bezeichnet hatte und der von der Polizei überwacht wurde, kommt nicht zur Ausführung seiner Tat, für die er angeblich einen Auftrag aus Syrien hatte.

Am 13. Juli griff die Polizei und Südfrankreich vier Jugendliche zwischen 16 und 23 Jahren auf, die nach eigener Aussage eine Kaserne im Küstenort Port-Vendres angreifen wollten. Erst im September wurde bekannt, dass die Polizei bereits am 15. August einen Mann festgenommen hatte, der sich in Raqqa, der Hautstadt des Islamischen Staates, aufgehalten hatte. Er soll den Auftrag gehabt haben, bei einem Konzert in Frankeich einen Terrorakt zu verüben – also die Art von Anschlag, die jetzt in Paris zur Ausführung kam.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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