Anschlag auf Bombay
Stich ins Herz Indiens

Der terroristische Anschlag auf die indische Millionenmetropole Bombay ist eine Tragödie in vielerlei Hinischt: Nicht nur, dass die Attacke die Verletzlichkeit des gerne als stabil angesehen Subkontinents aufzeigt. Mit Bombay traf es gezielt das ökonomische Herz Indiens. Nun folgt die Unsicherheit, auf die es die Terroristen offenbar abgesehen hatten.

HYDERABAD/NEU-DELHI/DÜSSELDORF. Die Terroristen wissen, wonach sie zu suchen haben. Mit Schlauchbooten kommen sie gegen 21 Uhr über das Arabische Meer, nehmen die Nobelhotels Taj Mahal und Oberoi ein und machen mit Schnellfeuergewehren Jagd auf Ausländer. "Wer hat amerikanische oder britische Pässe?" rufen die Terroristen einem Bericht des Briten Ashok Patel aus dem Taj Mahal zufolge. Aus dem Oberoi berichtet ein weiterer Brite, ein Angreifer habe 40 Gäste in ein Treppenhaus getrieben. "Sie haben über Amerikaner und Briten gesprochen. Da war ein Italiener, und sie riefen: ,Wo kommst du her?? Er sagte: ,Italien?, sie sagten ,schön? und ließen ihn in Ruhe."

Auch der Bahnhof, ein Café, ein Kino, ein Krankenhaus und eine jüdische Wohneinrichtung stehen auf der Liste der Terroristen - mehr als 100 Menschen werden in der ersten Angriffswelle getötet. Die Sicherheitskräfte schlagen hart zurück. "Wir werden die Terroristen entweder lebend fangen oder sie erschießen", sagt der Polizeichef. Doch seine Leute können nicht viel ausrichten. Der Chef der Anti-Terror-Einheit war gleich bei den ersten Schusswechseln getötet worden. Am Donnerstag Abend halten die Terroristen noch immer Positionen in beiden Hotels, noch immer sind nicht alle Gäste in Sicherheit. Premier Manmohan Singh braucht bis zum Nachmittag, bevor er sich an die Nation wendet. "Die sorgfältig geplanten Anschläge sollten Panik auslösen", sagt Singh. Bewusst seien "hochrangige" Ziele ausgewählt und "Ausländer unterschiedslos umgebracht" worden. Die Urheber sieht er im Ausland: "Es liegt auf der Hand, dass die ausübende Gruppe, die außerhalb des Landes beheimatet ist, dazu entschlossen war, in unserer wirtschaftlichen Hauptstadt Chaos auszulösen." Die Marine fängt ein Schiff ab, das die Terroristen in die Stadt gebracht haben soll. Per E-Mail bekennt sich die Gruppe Deccan Mudschaheddin zu den gut koordinierten Angriffen.

Ihr Ziel, die Zwölfmillionenstadt Bombay, ist nicht irgendeine Metropole, sondern das ökonomische Herz Indiens. Das Finanzzentrum mit der größten Börse hat auch den wichtigsten Hafen und ist der führende Handels- sowie Industrieplatz. Hier arbeiten 600 000 Arbeiter in rund 12 000 Fabriken. Die Filmindustrie ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor "Bollywoods". Doch mehr als die Hälfte der Menschen lebt unter erbärmlichen Umständen in übervölkerten Slums.

Genau hier schlagen die Terroristen zu, im weltberühmten Taj Mahal spielen sich dramatische Szenen ab. Viele Ausländer sind im Haus und sorgen später dafür, dass ihre Erlebnisse bekanntwerden. "Wir waren beim Abendessen, als wir Schüsse hörten", berichtet die Touristin Cheryl Robinson. "Wir blieben auf dem Boden, viele lagen unter Tischen." Die deutsche EU-Abgeordnete Erika Mann erzählt von einer stundenlangen Flucht durch die Gänge des Hotels. Immer wieder sei sie verfolgt worden, bevor sie entkommt. Der deutsche Unternehmer Ralph Burkei starb auf der Flucht ("Deutscher unter den Todesopfern").

Das Taj Mahal ist zwar ein Symbol der alten Kolonialpracht - doch der Vater der indischen Schwerindustrie, Jamshetji Nusserwani Tata, hat das Haus 1803 gebaut. Die Industriellenfamilie Tata gehört auch heute zu den ganz großen Erfolgsgeschichten des Landes, die mit Stahlengagement in Europa und dem Kleinwagen "Nano" wieder ins Blickfeld gerückt war. Der Name steht für indisches Unternehmertum schlechthin. Und genau gegen dieses moderne, weltoffene Indien richtet sich der Hass der Islamisten, die auch den meisten Indern sehr fremd sind.

"Sie waren so jung", beschreibt der fassungslose Nasim Inam die Angreifer am Bahnhof Chattrapati Shivaji. Keiner sei älter als 25 Jahre gewesen. Vier Männer in Jeans und schwarzen T-Shirts schossen dort wahllos auf Reisende. "Ich stand direkt dahinter", sagt Inam. "Wenn sie sich umgedreht hätten, wäre ich dran gewesen." In der Nähe des Polizeihauptquartiers kapern Bewaffnete einen Polizeiwagen und schießen auf Menschen, die vor zwei Krankenhäusern zusammengekommen sind. "Wir fühlten die Erde beben und hörten die Explosionen", sagt Manish Tripathi. "Wir hörten einen Wagen hinter uns beschleunigen, es war ein Polizeiauto, aber der Mann darin schoss auf uns."

Nur allmählich erholen sich die Bewohner von ihrem Schock. "Die Stadt hat sich immer gleich wieder aufgerappelt und ist zur Tagesordnung übergegangen", sagt der Kommunikationsmanager Sunher Thanawalla. "Aber diesmal wird das schwieriger. Wir fühlen uns selbst in unseren Häusern nicht mehr sicher? Was kommt als Nächstes? Die Schulen unserer Kinder?"

Dagegen brauchen die Inder in anderen Teilen des Riesenlandes eine Weile, die Tragweite zu erkennen. Im Frühstücksraum des Taj-Hotels Banjara von Hyderabad, 850 Kilometer weiter im Nordwesten, flimmert am Morgen die Wiederholung des Cricketspiels gegen die Briten über die Bildschirme. Die Sicherheitsschleuse vor dem Hotel bleibt unbenutzt. "Es ist schrecklich, was in Bombay passiert, aber Sie werden sehen: Schon morgen werden die Leute wieder ganz normal zur Arbeit gehen", sagt Uni-Rektor Seyed Hasnain. "Wir Inder sind sehr belastbar", versichert er einer Delegation der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Vielleicht ist Hyderabad ein Modell für die Aussöhnung mit den Islamisten. Vor 20 Jahren lieferten sich hier Moslems und Hindus "fast wöchentlich Schießereien", erinnert sich Professor Mariappan Periasamy. Doch nun fließt viel, sehr viel Geld nach "Cyberabad", dem High-Tech-Bezirk Hyderabads. Die Lage habe sich spürbar beruhigt: "Jetzt gibt es nur noch ein paar Fanatiker." Aber die sind gefährlich genug.

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