Anschlag in Istanbul
„Wir fingen noch an zu laufen“

Kurz vor der Explosion will sie die Menschen noch warnen. Die Leiterin der Reisegruppe hat den Anschlag in Istanbul überlebt – zehn deutsche Touristen sind tot. Die Ermittler durchforsten nun das Umfeld des Täters.

IstanbulSibel Şatıroğlu hört zuerst ein leises Geräusch und schaut sich um. Die Touristenführerin aus Istanbul steht auf dem alten Hippodrom-Platz in der Altstadt der Metropole, mit einer Reisegruppe bestehend vor allem aus deutschen Besuchern. Sie haben ein volles Programm vor sich, wollen am Vormittag alle umliegenden Sehenswürdigkeiten anschauen und später auf den Basar. Zwei Nächte hat ihr Reiseveranstalter für Istanbul vorgesehen, bevor es weiter nach Dubai und Abu-Dhabi gehen soll.

Şatıroğlu schaut erst nach links, dann nach rechts. Auf einmal steht ein junger Mann bei ihrer Reisegruppe, modern gekleidet, Vollbart. Er schaut sich kurz um, zieht dann einen Stift aus einer Apparatur, die er in der Hand hält. „Lauft weg!“, schreit sie ihrer Reisegruppe auf deutsch entgegen. Kurz darauf hört sie nur noch einen lauten Knall.

Zehn Mitglieder ihrer Reisegruppe sterben binnen Sekunden. Nach aktuellem Stand der Ermittlungen stammen alle Opfer aus Deutschland. Noch elf weitere Menschen werden in Krankenhäusern in Istanbul behandelt, fünf von ihnen auf der Intensivstation. „Wir fingen noch an zu laufen“, erinnert sich Şatıroğlu später, „aber die Bombe explodierte auf der Stelle“.

Ob sich der Attentäter die Opfer nach ihrer Herkunft ausgesucht hat, ist bislang nicht geklärt. „Nach bisherigem Ermittlungsstand liegen keine Hinweise darauf vor, dass der Anschlag gezielt gegen Deutsche gerichtet war“, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in Istanbul. Der syrische Selbstmordattentäter war einem türkischen Medienbericht zufolge wenige Tage vor dem Anschlag als Flüchtling registriert worden.

De Maizières türkischer Amtskollege Efkan Ala sagte, im Zuge der Ermittlungen nach dem Anschlag sei am Dienstagabend ein Verdächtiger festgenommen worden. Die türkische Regierung hat die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für die Tat verantwortlich gemacht, die sich bislang nicht dazu bekannt hat.

Über das Wann und Wie einer Rückführung der Toten und Verletzten nach Deutschland ist noch nicht entschieden. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums ist die Bundeswehr dazu „bereit und in der Lage“. Inzwischen befinden sich vier Beamte des Bundeskriminalamts BKA zur Unterstützung der Ermittlungen in Istanbul. Auch ein Kriseninterventionsteam des Auswärtigen Amts ist in die türkische Metropole gereist. Die betroffene Reisegruppe eines Berliner Veranstalters wird von Seelsorgern betreut. Die Gruppe mit 33 Mitgliedern war auf einer Drei-Länder-Erlebnisreise, die Reisenden kamen aus dem gesamten Bundesgebiet.

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Fahndung nach vier Begleitern des Täters

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