Antrittsbesuch
Merkel sucht Schulterschluss mit Obama

Drei Wochen nach dem Besuch von US-Präsident Barack Obama in Deutschland unternimmt Bundeskanzlerin Angela Merkel einen neuen Versuch, das beiderseitige Verhältnis zu entkrampfen - Merkel stattet Obama heute ihren Antrittsbesuch ab. Beide sind Pragmatiker, ihr Verhältnis ist nüchtern. Keine schlechte Grundlage.

WASHINGTON/BERLIN. Die Körpersprache sagte alles: Die Schulter hochgezogen, den Kopf nur halb gewendet, beinahe verkrampft stand die Bundeskanzlerin am Rednerpult im Dresdener Schloss. Auf Armeslänge neben ihr der US-Präsident, lässig, locker und selbstbewusst. Eigentlich sollte Angela Merkel Barack Obama herzlich begrüßen, der als Präsident schon zum zweiten Mal Deutschland besuchte. Doch heraus kamen nur gestelzte Formeln und kühle Gesten.

Das war Anfang Juni. Jetzt, nur drei Wochen später, unternimmt Merkel einen neuen Anlauf, das Verhältnis zu Obama zu entkrampfen. Für zwei Tage ist die Kanzlerin in Washington und morgen hat sie die seltene Ehre einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Präsidenten im Rosengarten des Weißen Hauses. Unterstreichen wollen Merkel und Obama damit, wie gut es um die deutsch-amerikanischen Beziehungen steht - und wie glänzend sich die beiden Protagonisten auch persönlich verstehen. Hatte Obama nicht den Reportern in Dresden "Hört auf, ihr alle" zugerufen, als diese mehr über die zwischenmenschliche Verspanntheit hören wollten?

Dabei hatte er sich zuvor schon selbst verraten. Was er an Merkel schätze, sei deren "intelligente Analyse und offene Rede", hatte Obama gesagt. Das aber beschreibt ziemlich genau, was das Verhältnis der beiden zumindest bislang ausmacht: eine nüchterne Partnerschaft, die vor allem auf Fakten und Interessen beruht - und weniger auf der richtigen "Chemie". Nüchtern soll es auch bei den regelmäßigen Videokonferenzen der beiden sein - Themen werden sachorientiert "abgehakt". Wahrscheinlich empfinden Merkel und Obama die fehlende Herzenswärme selbst gar nicht als Defizit. Die Kanzlerin und der US-Präsident definieren die bilateralen Beziehungen über gemeinsame Interessen.

Merkel pflegt allerdings nicht nur mit Obama einen eher distanzierten Stil, sondern mit vielen anderen Regierungschefs auch. Lediglich "Anfassern" wie dem früheren US-Präsidenten George Bush und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy gelang es manchmal, Merkel aus der Reserve zu locken.

Doch während Bush in seiner Umgebung stets nach Bestätigung suchte und damit auch verletzlich war, scheint das Obama ziemlich einerlei zu sein. Wirklichen Einfluss auf ihn hat nur seine Frau Michelle, sagen Leute aus seiner Umgebung. Ansonsten analysiert der US-Präsident ein Problem, hört sich verschiedene Meinungen an und entscheidet dann. Darin sind sich die Kanzlerin und der US-Präsident ähnlich

Obama könne im Prinzip mit jedem Politiker zusammenarbeiten, solange es eine gemeinsame Basis gebe, schreibt Richard Wolffe in seinem gerade eben erschienenen Buch "Renegade" über den US-Präsidenten. "Und wenn es keine Kompromissmöglichkeit gibt, dann macht er eben ohne den anderen weiter." Darüber kann im Übrigen auch nicht das typisch amerikanische Schulterklopfen hinwegtäuschen, das auch bei Obama häufig zu sehen ist: Der 47-jährige Präsident ist klassischer Pragmatiker.

Für diejenigen, die mit Barack Obama zu tun haben, hat dies den Vorteil, dass man inhaltlich zügig und gut vorankommt. Ein Nachteil ist der nüchterne Stil des US-Präsidenten allerdings dann, wenn man auf alte Verbundenheit hofft. Dies musste auch Großbritanniens Premier Gordon Brown erkennen, als er bei seinem ersten Besuch in Washington im März ohne formelles Dinner, ohne große Pressekonferenz und mit ein paar Hollywoodspielfilmen auf DVD als Gastgeschenk wieder nach England zurückgeschickt wurde. Die Finanz- und Wirtschaftskrise habe keinen Raum für diplomatische Nettigkeiten gelassen, hieß es später leicht genervt aus dem Weißen Haus. Von einer "special relationship" mit den Briten war gar keine Rede mehr. Deshalb haben deutsche Regierungskreise jetzt schon einmal vorgebaut: Die Kanzlerin beteilige sich nicht an einem Sympathiewettlauf, wer besser mit Obama könne, hieß es in Berlin. Sicher ist sicher.

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