Armutszuwanderung
(K)ein Herz für Bettler

Betteln? Nicht auf dem Marienplatz. München klagt über Armutszuwanderer aus Osteuropa – und verbietet „aggressives Betteln.“ Auch in Paris und London wird über das Thema diskutiert. Unsere Korrespondenten berichten.
  • 18

Athen/Düsseldorf/London/Paris/Stockholm/WienEs gibt einen Obdachlosen in Düsseldorf, der mich fast immer anspricht. Meist bekommt er etwas von mir – ein paar Euro oder einen Kaffee. Manchmal reden wir ein paar Worte. „Scheiß Regen“, „Ja, scheiße“. Ich weiß nicht, warum er bettelt. Ich kenne seine Gesichte nicht. Aber ich weiß, dass er gute und schlechte Tage hat, das hat auch etwas damit zu tun, wo er ein Plätzchen für sich und seine Hunde findet. Und ob es eben regnet oder nicht.

Das Betteln ist in Deutschland seit den 1970er Jahren nicht mehr strafbar. Doch viele Städte gehen nun dagegen vor. Dabei geht es nicht so sehr um den einzelnen Bettler, der still an die Hauswand gelehnt um Almosen bittet. Es geht um Banden. Um Tricks und Betrügereien, um an das Geld von Passanten zu kommen. Und es geht um sogenannte Armutszuwanderung. Um Menschen, die aus anderen EU-Staaten nach Deutschland kommen, weil es in ihrer Heimat keine Perspektive, kein Geld und keine Sozialleistungen gibt.

Nach Worten von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) ist Armutszuwanderung kein flächendeckendes Problem in Deutschland. Der Bund wolle aber die betroffenen Kommunen unterstützen und noch in diesem Jahr bei den Sozialkosten entlasten, sagten de Maizière und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) in Berlin. Die Freizügigkeit in der EU sei ein hohes Gut und werde durch einzelnen Missbrauch nicht infrage gestellt. Der Missbrauch solle stärker bekämpft werden.

Zuvor hatte sich das Kabinett mit dem Bericht eines Staatssekretärsausschusses aus den betroffenen Ressorts befasst. Die Bundesregierung brachte dabei ein Gesetzespaket gegen Missbrauch von Sozialleistungen durch Zuwanderer auf den Weg. Es sieht unter anderem vor, EU-Zuwanderern die Wiedereinreise im Fall von Rechtsmissbrauch oder Betrug befristet zu verbieten. Doppelter Bezug von Kindergeld soll dadurch verhindert werden, dass eine Steueridentifikationsnummer vorgeschrieben wird. Vor allem die CSU hatte auf strenge Regeln gepocht.

München ist ein Beispiel für schärferes Vorgehen gegen Bettler. Der Grund: Die Zahl der organisierten Bettler ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, so die Polizei. Deshalb hat die Stadt organisiertes und aggressives Betteln in der Altstadt und rund um den Hauptbahnhof verboten. Hilfebedürftige Menschen dürften allerdings weiter um Geld bitten, so die Polizei. „Eine Großstadt wie München muss akzeptieren, dass sich Menschen für diese Form des Lebensunterhaltes entscheiden und auch sichtbar sind.“

Doch die Banden, die will München nicht mehr. Bei denen die Bettler auf der Straße für Hintermänner arbeiten, bei denen die Bettler aus dem Ausland – vor allem aus Rumänien und aus der Slowakei – nach München gebracht werden, um hier zu betteln.

Auch andere Städte haben das Betteln vor Sehenswürdigkeiten verboten oder denken über eine schärfere Kontrolle nach. Darunter Nürnberg, Würzburg, aber auch Berlin. Doch wie sieht es in anderen europäischen Ländern aus? Wo ist das Betteln erlaubt, wo ist es verboten? Die Korrespondenten von Handelsblatt Online berichten.

Kommentare zu " Armutszuwanderung: (K)ein Herz für Bettler"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Seltsam, Warum meinen unsere Politiekr immer etwas für Ausländer machen zu müssen? Gibt es in Deutschland keine Arme bzw. Obdachlosen? Warum zahlen unsere Politiker bzw. machen unsere Politiker etweas für Diese? Welcher Obdachlose bekommt Hotelzimmer bezahlt? Ist Berlin nicht das abschreckende Beispiel, wo man nur Kriminelle/Erpresser unterstützt, nur weil diese sich weigern ihre heimat auf zu bauen bzw. ihre Forderungen an Ihre Politiker in ihrer Heimat zu stellen???

  • Grundsätzlich halte ich nichts davon, ausgerechnet an den Ärmsten und Schwächsten unserer Gesellschaft seine vermeintliche Überlegenheit zu zeigen. Das ist nur peinlich.

    Ich bin aber auch der Meinung, dass in unserem Land der Bettelei enge Grenzen gesetzt werden. Wir haben schließlich eine staatlich geregelte Grundversorgung, auf die nach meiner Meinung auch jeder und jede, die hier leben, ein Anrecht hat. Diese Grundversorgung garantiert sicher kein sorgenfreies Leben aber es ist der Beitrag der Gesellschaft, auch den Menschen in prekären Verhältnissen unter die Arme zu greifen. Außerdem gibt es in jeder Stadt eine „Tafel“, in der Lebensmittel verteilt werden.

    Gegen Bettler, die am Straßenrand sitzen und mit einem Schild „Habe Hunger“ auf sich aufmerksam machen, habe ich nichts. Ich kann entscheiden, ob ich vorbei gehe oder ein belegtes Brötchen oder einen Euro spende. Jede Art des aktiven Bettelns sollte als Ordnungswidrigkeit untersagt werden können. Dazu gehören für mich die nervenden Vorstellungen in U-Bahnen oder Belästigungen im Gartenlokal. Das ist in Deutschland nicht angemessen.

  • bemerkenswert ist die Masche mit dem ausgerenkten Knie - schon in 5 Städten gesehen - die scheuen selbst vor Selbstverstümmelung nicht zurück...

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%