Auch die Briten steuern auf eine „Apartheid“ zu
Erst Birmingham, jetzt Paris

Straßenkrawalle und Rassenunruhen sind für Großbritannien nichts Neues. In den achtziger Jahren gab es Straßenschlachten in Brixton, Liverpool und Bristol, als schwarze Jugendliche ihrer Frustration über gesellschaftliche Benachteiligung Luft machten – ganz ähnlich wie nun in den Pariser Vororten. 2001 wurde bei Unruhen in Städten wie Oldham und Bradford die Polizei von asiatischen Jugendlichen attackiert. Ein Bericht konstatierte, Muslims und andere Gruppen lebten in diesen Städten „in verschiedenen Welten“.

mth LONDON. Als Ende Oktober in der Birminghamer Lozells Road zwei Nächte lang randaliert wurde, waren die Hintergründe aber anders. Es gab zwei Todesopfer, Autos wurden in Brand gesetzt, Läden geplündert, nicht weil Jugendliche gegen Chancenlosigkeit, soziales Elend oder Polizeiunterdrückung demonstrierten – offenbar hatte ein Piratensender Gerüchte über die angebliche Vergewaltigung eines 14-jährigen schwarzen Mädchens durch 18 Asiaten gestreut.

Den Briten wurde klar, dass Rassismus in ihrem Land nicht mehr dem althergebrachten Muster „Weiß gegen dunkelhäutig“ folgt. „Dieser Rassismus unter den Einwanderergruppen war 20 Jahre lang tabu“, sagte die Kriminologin Marian Fitzgerald dem „Observer“ und beschuldigte die Labourregierung, das Problem unter den Teppich gekehrt zu haben. Für den für „community relations“ im multikulturellen Großbritannien zuständigen Staatsminister Paul Goggings änderte sich nichts an der alten Frage: „Wie passen wir alle zusammen?“

Nun wird, wie immer nach solchen Unruhen, über die Gründe gestritten. Sind es Sozialproteste, oder gibt es kulturelle, gar, wie manche behaupten, religiöse Ursachen?

Trevor Phillips, Vorsitzender der britischen Kommission für Rassengleichheit, hatte nur Wochen vor den Krawallen von Birmingham gewarnt, Großbritannien steuere „schlafwandlerisch auf eine Apartheidgesellschaft zu“. Birmingham, sagte er nun, sei genau ein Beispiel dafür, wie verschiedene ethnische Gruppen in „separaten Welten leben und sich nicht integrieren“.

Phillips Vorgänger, Herman Ousley, warf ihm nun vor, sich zu sehr auf die „weichen, kulturellen Fragen“ zu konzentrieren und soziale Probleme wie Diskriminierung und urbane Verelendung zu vernachlässigen. Phillips konterte bei dem Streitgespräch: „Beides ist wichtig. Wir müssen den Kampf um Gleichheit fortsetzen. Aber wir müssen auch sicherstellen, dass die verschiedenen Gemeinschaften in Großbritannien miteinander interagieren.“

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