Aufklärung in Ägypten
Der Prophet und das Vorspiel

Heba Kotb spricht im Fernsehen über Sexualverkehr nach dem Fastenbrechen und Selbstbefriedigung. Ägyptens erste Sexualforscherin klärt die arabische Welt auf – mit Unterstützung des Korans.

KAIRO. Im Studio herrscht eine warme Wohnzimmeratmosphäre. In hellen Regalen stehen Bücher und Blumenvasen, in der Mitte Designersessel aus Chrom und schwarzem Stoff, auf einer großen Leinwand im Hintergrund sind quallenartige Wesen in Meerblau zu sehen. Das Ambiente ist modern – doch nichts deutet darauf hin, dass hier mit Tabus gebrochen wird. Seit einigen Wochen moderiert die Sexualforscherin Heba Kotb vor dieser Kulisse das erste Aufklärungsprogramm in Sachen Sex im ägyptischen Privatsender Mehwar – eine Sendung mit dem Titel „Ernstes Gespräch“.

In dieser Woche geht es um das Thema: Essen und Sexualität im Ramadan. „Gerade jung verheiratete Männer wollen sofort nach dem Essen nach Sonnenuntergang Geschlechtsverkehr mit ihren Frauen haben“, erzählt die 39-jährige Ägypterin, die mit ihrem beigefarbenen Kopftuch, der langärmeligen Bluse und dem fast ungeschminkten Gesicht sehr traditionell wirkt. Die graue Hose deutet jedoch darauf hin, dass sie Islam und Moderne zu versöhnen sucht.

Sexualverkehr nach dem Fastenbrechen sei im Islam zwar erlaubt, aber direkt nach dem üppigen Essen könne dies schwierig sein, sagt die diplomierte Sexologin Kotb. Denn der Körper sei mit der Verdauung beschäftigt. Eine Ernährungswissenschaftlerin erklärt, warum zu viel und zu fette Nahrung im Ramadan schlecht für die Gesundheit und damit auch für das Sexleben sei.

In einer früheren Sendung ging es um Selbstbefriedigung. Gegen Ende des Ramadans, wenn traditionell viele Hochzeiten gefeiert werden, will Heba Kotb zwei Sendungen der Hochzeitsnacht widmen.

„Das Wissen über Sexualität ist in Ägypten gleich null“, erklärt die kleine, zierliche Frau in ihrer Praxis im Stadtteil Mohandessin in Kairo. „Sexuelle Therapie und Eheberatung“ steht nur in Englisch auf dem Schild an der Tür. Heba Kotb ist die erste Sexualforscherin der arabischen Welt – ihren Doktor hat sie an der Maimonides-Universität im US-Bundesstaat Florida gemacht. Das Thema Sexualität ist in der ägyptischen Gesellschaft bislang ein Tabu. Das will Kotb ändern – mit Hilfe der Medien und des Islams.

„Mit meiner Fernsehsendung gehe ich direkt ins Schlafzimmer der Leute“, erklärt sie. Damit erreiche sie die Menschen, die über Sexualität nur hinter vorgehaltener Hand oder gar nicht erst diskutieren wollen. Die Sendung ist wissenschaftlich angelegt. Und sie hat den Islam auf ihrer Seite. „Im Koran und in den Hadithen, die das Leben des Propheten Mohammed beschreiben, wird offen über Sexualität und Lust gesprochen“, doziert die Mutter von drei Töchtern, die mit einem Augenarzt verheiratet ist. Wenn das Thema mit der Zeit zu einem Tabu geworden sei, läge das an Traditionen, die die ursprüngliche Botschaft des Islams überlagert hätten.

Die Sexologin Heba Kotb gehört zu jener Strömung im Islam, die versucht, Religion und Moderne zu vereinbaren. Das scheint beim Thema Sexualität kein Problem zu sein. So war der gläubigen Muslimin bei ihren Studien aufgefallen, dass viele als modern geltende Erkenntnisse bereits in den islamischen Schriften vorkommen. „Der Prophet fordert die Männer zum sexuellen Vorspiel auf – mit dem Hinweis, dass dies ihr eigenes Vergnügen vergrößere.“ Auch der Orgasmus der Frau sei bereits in den Hadithen ein Thema.

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