Bagdad-Tagebuch
Die Sehnsucht nach der Dachterrasse

Auch fünf Jahre nach dem Fall von Bagdad leiden die Iraker unter Stromausfällen, Querschlägern, Mücken und Skorpionen – letzter Teil des Bagdad-Tagebuchs, in dem ein Iraker aus seinem Alltag berichtet.

BAGDAD. Eigentlich wollte ich heute nicht nur das Tagebuch eines einzigen, sondern aller Iraker schreiben. Schließlich jährt sich heute zum fünften Mal der Tag, an dem Saddam Husseins Regime fiel und die Besetzung des Iraks begann. Ich könnte einfach Statistiken anführen, um die tragische Lage vieler Iraker zu beschreiben:

Amtlichen Zahlen zufolge wurden mindestens 300 000 Iraker seit 2003 getötet, darunter 5 500 Wissenschaftler und Hochschullehrer. Mehr als 100 000 Menschen sind in den Gefängnissen der neuen Behörden und der US-Armee im Irak eingepfercht. Vier Millionen Iraker haben ihr Heil im Ausland gesucht. 2,5 Millionen gelten als sogenannte Binnenflüchtlinge und mussten ihr Hab und Gut verlassen, um irgendwo ohne Strom und Trinkwasser in Zelten zu vegetieren. Die Zahl der Witwen beläuft sich auf Hunderttausende, und die Anzahl der Waisen nimmt Tag für Tag zu. Und natürlich sind da auch die mehr als 4 000 getöteten US-Soldaten.

Doch dann sagte ich mir: Diese Zahlen haben doch in allen Zeitungen gestanden. Aussagekräftig sind sie erst, wenn man sie mit den Schicksalen einzelner Menschen verwebt. Und so möchte ich zum Abschluss meines Tagebuchs einige von ihnen zu Wort kommen lassen.

Anfang April. Der Sommer hat bereits im Irak Einzug gehalten. In den Hitzemonaten Juli und August werden die Temperaturen in und um Bagdad auf 60 Grad und höher ansteigen. Was werden die Menschen unternehmen, die ohne Klimaanlage, ja ohne Ventilator auskommen müssen? Menschen wie Um Ahmed? „Wir haben keine Dachterrasse mehr, um darauf zu schlafen“, ist ihre bittere Antwort auf die Frage, ob sie auch in diesem Sommer, wie es im Irak seit Jahrhunderten Tradition ist, auf der Dachterrasse schlafen werde, um der drückenden Hitze in den Häusern zu entkommen.

Unter Tränen erzählt Um Ahmed: „Im vergangenen Winter wurden wir aus unserem großen Haus im Bagdader Stadtviertel Amil vertrieben. Wir fanden niemanden, der uns aufnahm. So haben wir auf Feldern Zuflucht gefunden, die meinem Schwiegervater gehören. Wir sind gezwungen, in dem Blockhaus zu wohnen, das dem Bauern gehörte, der die Felder bewirtschaftete. Hier gibt es natürlich keine Dachterrasse. Weder einen Garten noch einen Hof haben wir, in denen wir schlafen könnten. Es fehlt am Einfachsten: kein Strom, kein sauberes Trinkwasser. Öffnen wir die Fenster, kommen statt einer kühlen Brise Schwärme von Mücken und Stechfliegen hinein – ganz zu schweigen von den Eidechsen und Skorpionen, die überall im Hause herumkriechen, weil das Haus auf einem Grundstück gebaut wurde, wo früher Ställe standen, in denen sich sämtliche Arten von Ungeziefer und Kriechtieren breitmachen konnten.“

Kaum besser ist das Schicksal von Mohammed aus Süd-Bagdad. „Ich habe einen Tisch, Stuhl und eine alte Schreibmaschine, mit der ich vor dem Gerichtsgebäude sitze und für Kunden Anträge und Klagen tippe“, erzählte er mir. „Der Verdienst ist so mager, dass ich mir kein Benzin für meinen kleinen Hausgenerator leisten kann. Wir haben es im vergangenen Jahr vermieden, auf der Dachterrasse zu schlafen, weil die amerikanischen Flugzeuge und Hubschrauber im Tiefflug kreisten und Signalpatronen und Fackeln abfeuerten. Hinzu kamen die Schüsse, die Bewaffnete aus allen Richtungen abfeuerten.“

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