Bagdad: USA für Sprengstoff-Verlust verantwortlich
Bush fordert weitere Milliarden für den Irak

US-Präsident George W. Bush will im Falle einer Wiederwahl den Kongress um zusätzlich 70 Mrd. Dollar für die Kriege im Irak und in Afghanistan bitten. Dies berichtete die „Washington Post“ gestern unter Berufung auf das Verteidigungsministerium und Mitglieder des Repräsentantenhauses. Damit würden die Gesamtkosten seit der Irak-Invasion im März 2003 auf 225 Mrd. Dollar ansteigen.

WASHINGTON. Zum Vergleich: Der Vietnam-Krieg hatte zwischen 1964 und 1972 inflationsbereinigt rund 500 Mrd. Dollar verschlungen, berechnete der Harvard-Ökonom William Nordhaus. Das Haushaltsbüro des Weißen Hauses dementierte die Zahl 70 Mrd. nicht. Eine endgültige Entscheidung über neue finanzielle Forderungen falle aber wahrscheinlich erst Anfang Februar, wenn Bush seinen Etat-Entwurf für das Jahr 2006 vorlege, hieß es. „Wir sind immer noch dabei, unsere Verpflichtungen hochzurechnen“, sagte Chad Kolton, Sprecher des Haushaltsbüros. Das Pentagon und die militärischen Geheimdienste wollen bereits bis Mitte November eine Aufstellung der zusätzlichen Kosten an das Haushaltsbüro weiterleiten. 30 Mrd. Dollar entfielen allein auf die Anschaffung von neuem Kampfgerät, erklärten Militärkreise.

Damit geraten die schlechten Nachrichten aus dem Irak erneut auf die Titel der US-Zeitungen. Am Montag sorgten Berichte für Aufsehen, dass aus einem ehemaligen Militär-Lager südlich von Bagdad 350 Tonnen Sprengstoff gestohlen worden waren. Der spektakuläre Fall liegt jetzt dem Weltsicherheitsrat in New York vor. Der Direktor der Internationalen Atomenergieagentur, el Baradei, hatte das Gremium am Montagabend schriftlich informiert, dass er am 10. Oktober von Bagdad über den Verlust in Kenntnis gesetzt worden war. In dem beigefügten Schreiben des irakischen Forschungsministers, Mohammed Abbas, heißt es, die zum Teil noch mit Uno-Siegel verwahrten 350 Tonnen Sprengstoff, seien „nach dem 9. April“ 2003 verschwunden, dem Tag, an dem die Koalitionstruppen unter US-Kommando Bagdad erobert hatten. Abbas macht die USA indirekt wegen ihrer „mangelnder Aufsicht“ für den Verlust verantwortlich.

Bush hatte in den letzten Monaten betont, dass er sich um mehr Geld für den Irak-Krieg bemühen werde. Eine konkrete Summe nannte er nicht. Die jetzt ins Spiel gebrachten 70 Mrd. Dollar übersteigen die Kalkulationen der Kongress- Abgeordneten bei Weitem. Als der Präsident Ende 2003 seine Forderung über 87 Mrd. Dollar für den Irak und Afghanistan präsentiert hatte, waren viele Republikaner geschockt. Sie bewilligten die Mittel zähneknirschend, baten die Regierung jedoch, sie mit Extrawünschen künftig zu verschonen. Bereits im August segnete der Kongress allerdings eine weitere Tranche über 25 Mrd. Dollar ab.

Die Kostenspirale im Irak hängt mit den nicht abreißenden Aufständen im Land zusammen. Dadurch sah sich Bush gezwungen, erheblich mehr Truppen zu entsenden als ursprünglich geplant. Nach Ende der Irak-Invasion ging das Pentagon davon aus, die Zahl der US-Soldaten bis Ende 2003 auf 50 000 zu drücken. Derzeit befinden sich jedoch rund 130 000 Militärs und 20 000 zivile Sicherheitskräfte am Golf. Personalengpässe bei der Berufsarmee sowie die starke Einbindung der Nationalgarde hatten kurzzeitig zu Diskussionen über eine Wiedereinführung der Wehrpflicht geführt. Sowohl der Präsident als auch sein demokratischer Herausforderer John Kerry hatten dies jedoch abgelehnt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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