Beginnt der große Schiitenaufstand?
El Sadr spielt mit dem Feuer

Noch tiefer ins Chaos ist der Irak mit den blutigen Straßenschlachten gestürzt, die der radikale Schiitenführer Muktada el Sadr provoziert hat. Nach Terroranschlägen islamischer Fanatiker und Guerilla-Attacken gegen US-Militärs erschüttert jetzt auch noch ein schiitischer Aufstand das Zweistromland.

HB KAIRO. Vor allem die „Bombe“, die US-Militärsprecher Mark Kimmitt am Montagabend in Bagdad platzen ließ, verheißt eine neue Eskalation der Gewalt.

Denn nach Angaben von Kimmitt hat ein irakischer Richter schon vor Monaten einen Haftbefehl gegen Muktada el Sadr erwirkt, da dieser angeblich an der Ermordung des rivalisierenden Geistlichen Abdelmadschid el Choei vor einem Jahr in Nadschaf beteiligt gewesen sein soll. Wann der Haftbefehl vollstreckt werden soll, ist noch unklar. Einer von El Sadrs Vertrauten, Mustafa el Jakubi, wurde am vergangenen Samstag im Zusammenhang mit dem gleichen Verfahren verhaftet.

Noch ist der Aufstand auf die Anhängerschaft des jungen Aufwieglers El Sadr begrenzt und richtet sich allein gegen die Besatzungsmacht. Doch ist nicht auszuschließen, dass sich der Flächenbrand, der inzwischen auch El Kut sowie Basra im Süden und Kirkuk im Norden des Landes erreicht hat, in den kommenden Tagen weiter ausweitet. Autobomben, die in Kirkuk an Versammlungsplätzen der El-Sadr-Anhänger explodierten, scheinen zudem den Pessimisten Recht zu geben, die im Irak einen Bürgerkrieg vorausgesagt haben. Auch dürfte die Nachricht vom Haftbefehl gegen ihren Führer die Milizionäre von El-Sadrs „Mahdi-Armee“ zu neuer Gewalt treiben.

Vieles hängt nun davon ab, wie sich das religiöse Establishment der Schiiten verhält, dem El Sadr nicht wirklich angehört. Denn unter den Schiiten haben auch die im provisorischen Regierungsrat vertretene Partei des Hohen Rates für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI) unter Abdelasis el Hakim und die Gefolgsleute des gemäßigten Großajatollahs Ali el Sistani eine große Machtbasis.

Um beide ist es in den vergangenen Tagen still geworden. Die führenden Religionsgelehrten des Landes schweigen bisher. Dabei hat der aus Iran stammende El Sistani bereits gezeigt, dass er enormen Einfluss besitzt und dass er - wenn er den Zeitpunkt für richtig hält - mehr Menschen mobilisieren kann als El Sadr. Als ihm vor einigen Wochen die Zeitvorgaben der Amerikaner für die geplante Machtübergabe und die Wahlen zu schwammig wurden, demonstrierten landesweit Hunderttausende Schiiten. Erst als ein konkreter Zeitplan vorgelegt wurde und sich die Vereinten Nationen einschalteten, ließ der Großajatollah die Proteste verebben.

Seite 1:

El Sadr spielt mit dem Feuer

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%