Beinahe eine weltweite Finanzkrise ausgelöst
Eine Formel verhalf Robert Merton zum Nobelpreis

Mit selbst gebastelten Flügeln stieg Ikarus in die Lüfte, flog höher und höher und stürzte schließlich ab, weil er der Sonne zu nahe kam. Ihre Wärme ließ die mit Wachs zusammengeklebten Federn seiner Flügel schmelzen. Nur um Haaresbreite ist der Nobelpreisträger Robert Merton dem Schicksal der Figur aus der griechischen Mythologie entkommen. Und beinahe hätte Merton dabei das Weltfinanzsystem in die Tiefe gerissen.

FRANKFURT. Die US-Notenbank konnte das gerade noch verhindern. Am 23. September 1998 trommelte sie 14 US-Investmentbanken zu einer Krisensitzung in New York zusammen und brachte sie dazu, Mertons Firma, dem Hedge-Fonds Long Term Capital Management (LTCM), mit 3,6 Mrd. Dollar aus der Klemme zu helfen. Die Banken willigten ein, weil ein Kollaps von LTCM vermutlich einige von ihnen mit in die Tiefe gerissen hätte. Hedge-Fonds investieren in hoch spekulative Investments, beispielsweise in Derivate und Optionen. Damit nicht genug: Wenig später sah sich die US-Notenbank zu einer Leitzinssenkung genötigt, um die Finanzmärkte zu beruhigen.

Nur ein Jahr zuvor hatte Merton zusammen mit Myron Scholes, ebenfalls ein Partner von LTCM, den Nobelpreis erhalten. Zu dieser Zeit waren die beiden noch die Stars der internationalen Investmentszene. Der erst wenige Jahre zuvor gegründete Hedge-Fonds bündelte damals – nur sechs Jahre nach seiner Gründung – über 140 Mrd. Dollar und damit mehr als die größten Investmentfonds. Die Gewinne gingen in die Milliarden.

Hätte sich das Nobelpreis-Komitee zwei Jahre länger Zeit gelassen, wäre es ihm wohl schwer gefallen, Merton und Scholes zu ehren. Zumindest hätte die Begründung einer Ergänzung bedurft. Denn Merton und Scholes erhielten den Preis für ihre bahnbrechende Arbeit bei der Bewertung von Finanzoptionen, die zur Black-Scholes-Formel führte. Die 1973 veröffentlichte und von Merton maßgeblich mitentwickelte Formel ist bis heute eine wichtige Grundlage für die Bewertung von Optionen. Sie verhalf dem Optionsmarkt und allgemein dem Markt für Finanzderivate zu einem explosionsartigen Wachstum.

Vorher war die Entwicklung des Optionsmarkts dadurch behindert worden, dass es kein brauchbares Modell für die Bestimmung des Wertes einer Option gab. Optionen gibt es auf Aktien, Währungen, Rohstoffe, Anleihen und nahezu jedes andere börsennotierte Anlageobjekt. Der Käufer einer Option erwirbt das Recht, das Anlageobjekt zu einem Termin in der Zukunft zu einem vorher festgelegten Preis zu kaufen oder zu verkaufen. Erreicht der Kurs des Objekts bis zum Verfallstag einer Kaufoption den Ausübungskurs, erzielt der Halter einen Gewinn, andernfalls verfällt die Option, und der Halter verliert das eingesetzte Kapital. Bei Verkaufsoptionen ist es umgekehrt.

Wichtigste Zutat der Black- Scholes-Formel ist neben dem Ausübungspreis der Option und dem Kurs des zu Grunde liegenden Wertpapiers die Volatilität dieses Kurses. Denn nach der Intensität der Kursschwankungen bemisst sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmter Ausübungskurs erreicht wird. Die Formel sieht kompliziert aus, lässt sich aber für Fachleute relativ leicht handhaben und mit den benötigten Daten füllen. Auf diese Weise können sie den Wert einer Option zu jedem beliebigen Zeitpunkt berechnen.

Seite 1:

Eine Formel verhalf Robert Merton zum Nobelpreis

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%