Beisetzung in Ramallah
Arafats Leichnam in Kairo eingetroffen

Trauergäste aus aller Welt wollen am Freitag in Kairo von Palästinenserpräsident Jassir Arafat Abschied nehmen. In der Nacht wurde sein Leichnam von Paris nach Ägypten überführt.

HB KAIRO/ RAMALLAH/ PARIS. Der Leichnam Arafats, der am Donnerstagabend aus Paris in die ägyptische Hauptstadt übergeführt wurde, soll nach der Trauerfeier nach Ramallah im Westjordanland gebracht werden. Dort wird der Palästinenserpräsident am Nachmittag in seinem Hauptquartier beigesetzt. Politiker in aller Welt würdigten Arafats Lebenswerk und äußerten zugleich Hoffnung auf einen Neuanfang im Nahen Osten. Der Palästinenserpräsident war am Donnerstagmorgen im Alter von 75 Jahren in einer Klinik bei Paris gestorben.

„Herr Jassir Arafat, Präsident der Palästinensischen Autorität, ist am 11. November um 03.30 Uhr im Militärkrankenhaus Percy in Clamart gestorben“, gab Krankenhaussprecher Christian Estripeau bekannt. Arafats Leichnam wurde nach einer militärischen Ehrung in Frankreich nach Kairo geflogen. An Bord der Maschine waren auch Außenminister Nabil Schaath und Arafats Witwe Suha Tawil.

In Kairo soll am Freitag die zentrale Trauerfeier stattfinden, zu der hochrangige Politiker aus aller Welt erwartet werden. Die etwa einstündige Zeremonie in der Nähe des Flughafens soll gegen 9.00 Uhr (MEZ) beginnen. Es soll nur eine begrenzte Zahl von Trauergästen zugelassen werden. Deshalb fürchteten viele Palästinenser, nicht von Arafat Abschied nehmen zu können. Für die Beisetzung wurden mehrere Säcke mit Erde vom Jerusalemer Tempelberg nach Ramallah gebracht. Israel hatte es abgelehnt, Arafats Wunsch nach einer Bestattung auf dem Gelände der Al-Aksa-Mosche auf dem Tempelberg zu erfüllen.

Die Palästinenserführung übertrug Arafats Machtvollmachten einem neuen Führungsquartett. Parlamentspräsident Rauhi Fattuh wurde noch am Donnerstag als Präsident vereidigt. Binnen 60 Tagen sind Neuwahlen vorgesehen. In seiner Antrittsrede bekräftigte der 55 Jahre alte Übergangspräsident, er fühle sich dem Friedensprozess mit Israel verpflichtet. Das Exekutivkomitee der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ernannte den ehemaligen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas (70) zum neuen Vorsitzenden. Neuer Generalsekretär der Fatah-Organisation wurde Faruk Kaddumi. Ahmed Kureia bleibt Ministerpräsident und Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrates, der das Kommando über die Sicherheitskräfte führt.

Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon äußerte nach Arafats Tod die Hoffnung auf eine „historische Wende in Nahost“. US- Präsident George W. Bush, der Arafat nie als Verhandlungspartner akzeptiert hatte, erklärte: „Der Tod Jassir Arafats ist ein bedeutender Moment in der palästinensischen Geschichte.“ Er hoffe, dass die Zukunft den Palästinensern „Frieden und die Erfüllung ihres Strebens nach einem unabhängigen, demokratischen Palästina“ bringe.

Bundeskanzler Gerhard Schröder schrieb: „Jassir Arafats Streben war Zeit seines Lebens darauf gerichtet, die Palästinenser in die Unabhängigkeit zu führen.“ Außenminister Joschka Fischer, der zu der Trauerfeier nach Kairo reisen wollte, sagte, mit dem Tod Arafats habe das palästinensische Volk seinen historischen Führer verloren. „Eine Ära geht mit ihm zu Ende.“

Die Vereinten Nationen erwiesen dem Palästinenserführer am Donnerstag bei einer Trauerkundgebung ihrer 191 Staaten umfassenden Vollversammlung ihren Respekt. Die Staatenvertreter erhoben sich zu Beginn einer Sondersitzung zu einer Schweigeminute. UN- Generalsekretär Kofi Annan, der nicht an der Trauerfeier in Kairo teilnehmen wird, versicherte, die UN würden mit den Partnern im Nahost-Quartett - den USA, der Europäischen Union und Russland - weiter für die Verwirklichung des als Road Map bekannten Friedensplans eintreten.

Der französische Präsident Jacques Chirac, der Arafat die letzte Ehre erwies, versicherte, Frankreich werde „unablässig weiter in Achtung für die Rechte der palästinensischen und israelischen Völker für den Frieden und die Sicherheit im Nahen Osten eintreten“. Auch der britische Premierminister Tony Blair betonte, das Wichtigste sei, den Nahost-Friedensprozess neu zu beleben. Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte, Arafat habe bis zuletzt für das „Grundrecht der Palästinenser auf einen eigenen, unabhängigen Staat“ gekämpft. Papst Johannes Paul II. betete für den Frieden im Nahen Osten. Er bezeichnete Arafat als einen „Führer von großem Charisma“.

In den Palästinensergebieten wurde die Nachricht von Arafats Tod mit großer Trauer aufgenommen. „Ein großes Herz hat aufgehört zu schlagen“, sagte Arafats Sekretär Tajib Abdel Rachim am Morgen in Ramallah. Die Palästinenserführung rief 40 Trauertage aus.

In Israel wurden die Sicherheitskräfte aus Angst vor Unruhen und Anschlägen in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. In Ramallah marschierten am Donnerstag maskierte und bewaffnete Palästinenser, die der neuen Führung im Falle von Konzessionen gegenüber Israel mit dem Tod drohten.

Als PLO-Chef hatte Arafat seit 35 Jahren die Politik im Nahen Osten mitbestimmt. Bei den Palästinensern als Widerstandskämpfer verehrt, von Israelis als Terrorist gehasst, starb er, ohne seinen Traum von einem unabhängigen Palästinenserstaat verwirklicht zu haben. In den vergangenen drei Jahren isolierte ihn Israel in seinem Hauptquartier in Ramallah von der Welt.

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