Ben Carson im US-Vorwahlkampf
Der Anti-Trump

Besonnen kanzelt Ben Carson die Attacken von Donald Trump als „Grundschulniveau“ ab und mausert sich zum neuen Liebling der Massen. Der „Obama der Republikaner“ könnte sogar Hillary Clinton gefährlich werden.

San FranciscoImmobilienhai Donald Trump weiß, wann es Zeit ist, loszulegen. Doch jetzt – ein Jahr vor den US-Präsidentschaftswahlen – bekommt er Konkurrenz. In aktuellen Umfragen liegt Ben Carson aus Baltimore im Rennen um die US-Präsidentschaftskandidatur der Republikaner gleichauf mit dem New Yorker Milliardär Trump. Manchmal schneidet der pensionierte Neurochirurg sogar besser ab.

Also wird zurückgetrumpt: „Ben Carson ist ein totaler und kompletter Verlierer“, ätze Rivale Trump in einem Werbetrailer für seinen Auftritt in der Comedy-Show „Saturday Night Live“. Das Video gelangte „durch ein Versehen“ an die Öffentlichkeit, wie der verantwortliche Sender NBC schleunigst betonte und wurde wieder gelöscht. Aber der Schaden war angerichtet, und die Show hatte ihre Aufmerksamkeit. Nur einer war genervt: Carson. Am Rande einer Veranstaltung entgegnete er schmallippig: „So etwas ist Grundschulniveau. Darüber bin ich längst hinaus.“

Wer ist der Kandidat, der ähnlich wie Barack Obama 2008 unerwartet vom Außenseiter zum Spitzenreiter aufsteigt? Immer öfter wird er vor Trump als Nummer eins bei den Republikanern genannt. Laut einer Umfrage des „Wall Street Journal“ findet er den stärksten Rückhalt bei regelmäßigen Kirchengängern, die Abtreibung ablehnen und weniger als 75.000 Dollar im Jahr verdienen.

Ein Mann des republikanischen Volkes, des weißen republikanischen Volkes. Und er kann Clinton besiegen, hat eine brandaktuelle Umfrage der Quinnipiac Universität herausgefunden. Würde heute gewählt, hätte Carson einen Vorsprung von zehn Prozentpunkten gegenüber Clinton. Das wäre für die frühere Außenministerin der USA das zweite Mal nach 2008, dass sie gegen einen farbigen Kandidaten verlieren würde.

Ben Carson ist der Anti-Trump. Kreuzkonservativ, aber ruhig und besonnen. Er verabscheut das polternde Draufhauen des Self-Made-Reality-TV-Stars, der guten Grund hat besorgt zu sein. „Mit chirurgischer Präzision“, so Tim Malloy von der Quinnipiac Universität „hat Carson schon alle bis auf einen Gegenkandidaten herausoperiert, und jetzt setzt er bei Clinton das Skalpell an“.

Der unaufgeregte Mediziner mit der sanften Stimme ist zugleich der personifizierte American Dream. Aufgewachsen in den dunkelsten Ecken von Detroit als Sohn einer bitterarmen alleinerziehenden Mutter, kämpfte er sich bis an die Spitze der pädiatrischen Neurochirurgie am John-Hopkins-Krankenhaus in Baltimore. Aufsehen erregte der Wissenschaftler, als ihm als erster die Trennung von am Hinterkopf zusammengewachsener siamesischer Zwillinge gelang. Seine Autobiographie „Begnadete Hände“ ist das Buch, das schwarze Eltern ihren Kindern schenken.

Zu Berühmtheit und Ehren in der republikanischen Partei gelangte der heute 64-jährige 2013. Er stand bei einer Veranstaltung nur wenige Schritte neben Barack Obama und griff die Politik des Präsidenten und dessen Gesundheitsreform frontal an. Der farbige Selfmade-Man aus den Elendsvierteln von Detroit wagte sozusagen das zu sagen, was viele Weiße dachten, aber, politisch korrekt, nicht auszusprechen wagten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%