Berater geben Interesse des britischen Premiers an Kelly-Affäre zu
Hoon will für Blair nicht das Bauernopfer spielen

So schnell gibt er sich nicht geschlagen: Der britische Verteidigungsminister Geoff Hoon, zurzeit auf Familienurlaub in den USA, ließ am Montag Berichte dementieren, denen zufolge er bereit sei, zugunsten von Premier Tony Blair das Bauernopfer in der Kelly-Affäre zu spielen. Als Antwort auf Spekulationen über seinen möglichen Rücktritt erklärte er, er werde seine Position rigoros verteidigen, berichteten britische Zeitungen unter Berufung auf „Freunde“ des Ministers.

LONDON. Mit der Vorladung der wichtigsten „Spindoctors“ des britischen Premiers nimmt die Untersuchung diese Woche die heiße Spur in die Downing Street auf. Dabei könnte sich abzeichnen, ob Blair selbst bleibenden Schaden durch die Affäre erleidet – oder eben andere wie Hoon die Schläge abfangen. Die Untersuchung von Lordrichter Brian Hutton soll den Selbstmord des britischen Regierungswissenschaftlers Dr. David Kelly aufklären, auf den sich die BBC in ihren Berichten über die „aufgebauschten“ Irak-Waffendossiers der Regierung berief.

Diese Woche steht die Frage im Mittelpunkt, welchen Einfluss Blair und sein Amt bei der öffentlichen Identifizierung Kellys als potenzieller Informant der BBC spielte. Der Regierung wird vorgeworfen, den Forscher öffentlich vorgeführt zu haben, um Kritik abzulenken.

Blairs Stabschef Jonathan Powell bestätigte gestern, dass Blair persönlich intensives Interesse an Kelly gezeigt habe, nachdem sich dieser intern als mögliche Quelle der kritischen BBC-Berichte über die Irak-Waffendossiers zu erkennen gegeben hatte. Auch der bisherige Chefdiplomat der Downing Street, der neue britische Botschafter in den USA, Sir David Manning, war gestern im Zeugenstand. Heute ist Kommunikationsdirektor Alastair Campbell als Star der Woche an der Reihe. Campbell dürfte erneut Vorwürfe zurückweisen, er habe eigenhändig Veränderungen an den Waffendossiers vorgenommen – wie von den BBC-Berichten suggeriert.

Wie am Montag bekannt wurde, enthielt ein für den britischen Eintritt in den Irak-Krieg wichtiges Dossier keine Beweise für eine Bedrohung durch das irakische Regime. „Das Dokument zeigt in keiner Weise eine Bedrohung, und erst Recht nicht eine akute Bedrohung, durch Saddam“, hieß es in einer Mail, die Blairs Stabschef Jonathan Powell eine Woche vor der Veröffentlichung des Dossiers an den Chef des Geheimdienstkomitees, John Scarlett, abgeschickt hatte.

Die Pressechefin des Verteidigungsministeriums, Pam Teare, gab zu, dass ihr Büro Stellungnahmen über Kelly erst nach Rücksprache mit den Medienberatern der Downing Street veröffentlichte. Regierungschef Blair, so wurde in der ersten Untersuchungswoche klar, befürwortete die intensive Vernehmung Kellys durch den Geheimdienstausschuss des Parlaments. Doch es war Hoon, der gegen den Rat seines obersten Beamten die öffentliche Befragung Kellys vor dem außenpolitischen Ausschuss des Unterhauses anordnete. Sir Kevin Tebbit hatte geraten, es „aus Achtung vor Kelly“ bei einer internen Vernehmung zu belassen. Doch nach Hoons Einschätzung hätte dies der Regierung den Vorwurf von Vertuschung und Geheimniskrämerei eingetragen.

Auch wegen dieser Entscheidung wird Hoon nun als wahrscheinlichstes Opfer der Kelly-Untersuchung gehandelt. Konservative Zeitungen werfen Downing Street vor, Hoon als Opfer aufzubauen, damit den Premier selbst möglichst wenig Schuld an den Vorgängen treffe.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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