Birmingham
Brutale Rassenunruhen schockieren die Briten

Die verkohlten Autowracks sind nach den blutigen Straßenkämpfen weggeräumt, doch viele Briten reiben sich weiter die Augen angesichts der brutalen Szenen. Afrikaner gegen Asianten - Sozialneid führte schon länger zu Spannungen in Birmingham.

HB BIRMINGHAM. Vermummte „schwarze“ und „asiatische“ Jugendbanden hatten am Wochenende die Straßen eines Einwandererviertels in Birmingham zum Schlachtfeld gemacht. Ein 23- jähriger Schwarzer starb, Dutzende Menschen erlitten Stich- und Schusswunden. Britische Zeitungen betonten am Montag, dass der Gewaltausbruch weder eine Revolte gegen die Polizei war, noch dem Muster von Rassenunruhen Schwarz gegen Weiß entsprach: „Schwarz gegen Braun“ sei die Front verlaufen; Jugendgangs aus der Karibik gingen auf Gruppen los, die aus pakistanischen Familien stammen.

Dass unbestätigte Gerüchte über eine Vergewaltigung einer 14- jährigen Schwarzen durch 19 Asiatischstämmige als Auslöser ausreichten, sahen manche Kommentatoren als Zeichen dafür, dass die Briten auf einem Pulverfass leben. Der konservative „Daily Telegraph“ zog einen Vergleich mit Rassenkrawallen in Los Angeles. Der linksliberale „Guardian“ betonte, dass der Zusammenhalt der Gesellschaft mit ihren vielen Einwanderergruppen „zerbrechlich“ sei.

In der Millionenstadt Birmingham insgesamt gehören knapp 30 Prozent ethnischen Minderheiten an, im Unruhe-Stadtteil Lozells sind es mehr als 80 Prozent. Viele Schwarze wanderten in den 50er Jahren aus Jamaika ein. Sie kamen als billige Arbeitskräfte für die Textil- und Autoindustrie. Die Pakistaner folgten in den 60er und 70er Jahren.

Wirtschaftlich waren sie erfolgreicher als ihre Nachbarn afro- karibischen Ursprungs. Die Folge: Ein Großteil der Geschäfte in Lozells ist heute in den Händen von Bürgern asiatischer Herkunft. Sozialneid führte schon länger zu Spannungen. Im Viertel herrscht hohe Arbeitslosigkeit (22 Prozent). Drogenhandel und Bandenunwesen machen der Polizei zu schaffen. „Wir haben unseren Sinn für Zusammenhalt verloren“, klagte Gemeindesprecher Justice Williams.

Im Zentrum des Gewaltausbruchs vom Wochenende stand der Kosmetik- Laden eines 33-jährigen Pakistaners. Mitglieder schwarzer Gangs beschuldigen den Besitzer seit Wochen, an der angeblichen Vergewaltigung der 14-Jährigen beteiligt gewesen zu sein. Obwohl die Polizei weder ein Opfer - potenziell eine illegale Einwandererin - noch Tatspuren fand, stellten Internet-Mitteilungen der Schwarzen den Fall als Tatsache hin. Lokalradios riefen zum Geschäftsboykott und zu Demonstrationen auf. Die Gewalt eskalierte.

Zum Ausmaß an nächtlichen Krawalle trugen sicher auch bei, dass Gewaltkriminalität und Drogenvergehen derzeit in Großbritannien steigen. Experten hatten schon nach den schweren Rassenunruhen in Nordengland im Jahr 2001 eine Spaltung der Gesellschaft in ethnische Gruppen beklagt. Die Gruppen leben oft in verschiedenen Stadtteilen, gehören unterschiedlichen Religionen an und kommunizieren wenig miteinander. Unterdessen setzten die Behörden in Lozells auf Polizeipräsenz und starken Regen - beides ließ die Nacht zu Montag ruhiger verlaufen.

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