London-Tagebuch
BBC-Debatte: Johnsons Independence-Day

Die Brexit-Befürworter punkten mit einem emotionalen Schluss-Apell ihres Polit-Stars. Derweil sieht längst nicht jede Umfrage die EU-Befürworter vorn. Der Liveblog aus London zum Nachlesen.

London, EdinburghBis zum Wochenende erscheint das Handelsblatt aus London. Dutzende Reporter sind für Sie im Land und in der britischen Hauptstadt unterwegs - Eindrücke halten sie auch bei Twitter fest (#HandelsblattUK). Auch Sie können bei zahlreichen Veranstaltungen dabei sein. In diesem Liveblog halten wir Sie über die neuesten Entwicklungen rund um das EU-Referendum am 23. Juni auf dem Laufenden.

  • Wahlkampflager treffen bei großer TV-Debatte aufeinander
  • Brexit-Fürsprecher Farage macht Wahlkampf in Clacton-on-Sea.
  • Neue Umfragen zeigen kein eindeutiges Bild über den Ausgang des EU-Referendums am Donnerstag.
  • Unternehmer appellieren in Anzeigen für den Verbleib Großbritanniens in der Union.
  • Investor George Soros warnt vor einem Absturz des Pfunds

+++ BBC überführt die Debatten-Schummler +++

Die Fakten-Checker der BBC, die im Hintergrund die Aussagen aus der großen Debatte überprüft haben, haben besonders häufig das Brexit-Lager bei Falschaussagen erwischt. Besonders oft traf es eine Politikerin: Energieministerin Andrea Leadsom hatte etwa behauptet, 60 Prozent der britischen Regulierung stamme von der EU. Die BBC sagt: Nur 13 Prozent der Gesetze kommen aus Brüssel – und nicht alle sind für das UK relevant.

Die Ministerin, die sich gegen Premier David Cameron stellt, sagte auch, Großbritannien sei 70 Mal in Brüssel überstimmt worden. Was sie nicht sagte: Im selben Zeitraum stand das Land mehrere 1000-mal auf der Siegerseite. In 98 Prozent der Fälle konnte sich die UK-Position durchsetzen.

Ebenfalls die Ministerin behauptete, 1,7 Milliarden Pfund britische EU-Mittel gingen an die Türkei im Beitrittsprozess. Tatsächlich verteilen sich aber 1,2 Milliarden Pfund auf fünf Beitrittskandidaten.
Zudem behauptete sie, Großbritannien müsse für künftige Bail-outs zahlen. Allerdings hat ihr Chef Cameron bereits erreicht, dass das Land ausgenommen wird.

Ex-Bürgermeister und Brexit-Star Boris Johnson leistete sich ebenfalls einen Fauxpas: Er sprach von Millionen Toten in den Balkankriegen. Geschätzt werden allerdings 100.000 – noch immer eine tragische Zahl.

Einen Trick erlaubte sich EU-Anhänger Sadiq Khan: Der Londoner Bürgermeister behauptete, die Euro-Zone wachse schneller als Großbritannien und die USA. Das gilt allerdings nur für das abgelaufene Halbjahr, in dem diese Zone 0,5 Prozent zulegte, GB und USA nur 0,4 Prozent. Im Gesamtjahr 2015 sah es völlig anders aus: Eurozone 1,5 Prozent, UK 2,2 Prozent und USA 2,4 Prozent.

+++ Das war die BBC-Debatte: Gefühl gegen Vernunft +++

Zeit zum Luftholen: Die Debatte war unglaublich rasant. Neue Argumente kamen nach Wochen heftigen Wahlkampfs nicht auf. Dafür fehlte in dem Sendungsformat auch die Ruhe. Drei Sprecher auf jeder Seite ließen wenig Raum für längere Beiträge.
Die Debatte zeigt aber auch, wie die rhetorisch geschulten britischen Politiker das Referendum nutzen. Boris Johnson hinterlässt einen starken Eindruck – obwohl sein Nachfolger Sadiq Khan versuchte, ihn als Lügner zu vernichten. Johnson ließ diese Versuche souverän abprallen.

Letztlich dürfte die Debatte die Anhänger beider Seiten in ihrer Meinung gefestigt haben. Keine Seite hat sich blamiert, keine überraschende Punkte gemacht. Premierminister David Cameron tauchte wohlweißlich nicht auf – und verhinderte damit, dass es zu einem Duell Johnson-Cameron wurde.

Unklar ist, welchen Einfluss die Debatte auf Unentschlossene hatte. Khan zeigte echte Passion für die EU, was der Debatte zuletzt fehlte. Letztlich aber ging es wiederum um recht eng britisch zentrierte Argumente ohne allzuviel Weitblick. Mehr Stimmen von außerhalb hätten der Sendung gutgetan, denn das Experten-Panel kam kaum zu Wort – und musste sich zudem jeweils einem Lager zurechnen lassen.

Immerhin: Das Format hat wesentlich besser funktioniert als die legendär-gescheiterte österreichische Präsidentendebatte ohne Moderator. Aber viel gefehlt hätte dem Referendums-Wahlkampf ohne diese größte Debatte auch nicht.

Klar sind weiterhin die beiden Narrative: Das Brexit-Lager behauptet, für Hoffnung auf positiven Wandel zu stehen und gegen eine EU-Verbleib aus Angst (und hat offensichtlich von der Obama-Kampagne gelernt). Das EU-Lager präsentiert sich dagegen als Stimme der Vernunft. Verborgen dahinter schimmern durch: eine gewisse Xenophobie des Brexit-Lagers und ein Technizismus beim EU-Lager. Freitag wird feststehen, ob Emotion oder Rationalität siegen.

So weit der Live-Kommentar zur Debatte - Christoph Kapalschinski aus Edinburgh.

+++ BBC-Debatte: "Donnerstag kann unser Independence-Day werden" +++

Die Debatte ist zu ende. Beim Schlusswort macht Boris Johnson, Ex-Bürgermeister von London, Punkte für den Brexit. Die schottische Konservative Konservativen Ruth Davidson bleibt nämlich ausgerechnet beim Schlusswort blasser als in der Debatte: "Das Britannien, das ich kenne, zieht sich nicht von seinen Nachbar zurück", sagt sie. Die EU habe zwar Fehler, bringe aber mehr Vorteile.

Zuletzt spricht Boris Johnson. „Es gibt eine klare Wahl – die einen sprechen nur von Angst, wir aber sprechen von Hoffnung“, ruft er. „Wir glauben an Britannien. Sie sagen: Wir schaffen es nicht. Wir sagen: Wir schaffen es.“ Die EU-Freunde unterschätzten die Fähigkeiten des Landes.

„Wenn wir aufstehen für Demokratie, stehen wir auf für Hunderte Millionen Menschen in Europa, die keine Stimme haben.“ Er plädiert: „Dieser Donnerstag könnte der Independence-Day dieses Landes werden.“ Großer Jubel – und Buh-Rufe. Johnson trifft das richtige Maß Pathos. Der Moderator beendet die Debatte. Jetzt geht die BBC in die Analyse.

+++ BBC-Debatte: Frieden und Sicherheit? +++

Jetzt geht es um die EU als solche. Es werden weiter bekannte Argumente ausgetauscht: Team EU betont, Großbritannien mache seinen Einfluss in der EU gelten. Team Brexit wiederholt, die Mehrzahl der britischen Gesetze würden in Brüssel gemacht.

Niemand kenne die fünf Chefs der EU – und niemand könne sie wählen. 5000 EU-Angestellte verdienten mehr als der britische Premierminister. Und Großbritannien sei 70 Mal überstimmt worden in Brüssel – habe also keinerlei große Macht. „Ich bin stolz Britin zu sein. Aber es ist nichts patriotisch daran, keinen Plan zu haben. Es ist nicht patriotisch, die Jobs der Menschen aufs Spiel zu setzen“, sagt die Gewerkschafterin Frances O’Grady fürs EU-Lager.

„Wir haben genug vom ‚Projekt Angst‘ gehört“, bremst Johnson. „Der beste Platz ist für uns außerhalb dieses Morasts“, sagt er über die EU. „Der Europäische Gerichtshof ist inzwischen das höchste Gericht in diesem Land“, sagt er – und meint das als etwas Schlechtes. Selbst Scheidungsrecht würde von dort beeinflusst.

Jetzt geht es darum, wie viele Gesetze aus Europa kommen: Zuletzt vier von 120, sagt die Konservative Ruth Davidson. Das Brexit-Lager lüge bei dieser Zahl, bei der Rolle einer europäischen Armee und bei einem möglichen Beitritt der Türkei, wütet sie.

Khan plädiert weiter für die EU: Klimawandel, Flüchtlingskrise, Steuerflucht – das seien Themen für die Europa. Und die EU mache London sicherer. Ohne den Europäischen Haftbefehl wäre etwa einer der Terroristen der Anschläge in London vor gut zehn Jahren erst sehr viel später von Italien nach Großbritannien ausgeliefert worden, meint der Bürgermeister.

Die nächste Publikumsfrage könnte aus dem Klein-Klein-Rausführen: Es geht um den Frieden nach dem Zweiten Weltkrieg und die EU. Stuart sagt: Die EWG war für den freien Markt, die Nato für die Sicherheit. Doch inzwischen unterminiere die EU die Nato, indem sie Parallelstrukturen aufbaue „Das EU-Grenzregime ist wie eine schriftliche Einladung für Terroristen“, sagt sie. Sie betont, Nato und Commonwealth sicherten Großbritannien – die EU eher nicht. Sie zitiert einen Experten: Nicht die EU habe den Frieden garantiert, sondern die Führungsmacht USA. Johnson erinnert daran, wie die EU beim Balkankrieg gescheitert sei – und erst die Amerikaner Frieden in der Region gebracht hätten.

„Welcher unserer Nato-Partner ermutigt uns, die EU zu verlassen? Nennen Sie doch nur einen“, fordert Bürgermeister Khan. Und die Schottin Ruth Davidson macht einen patriotischen Punkt: Sie sei die einzige in der Runde, die jemals die britische Uniform getragen habe und als Berichterstatterin im Balkan gewesen. „Ich war nie so stolz, was wir Briten leisten wie dort“, sagt die EU-Befürworterin. Brexit-Gisela Stuart fällt daraufhin nur ein: Europa plane im Geheimen eine eigene Steuer – und eine eigene Armee.

Caroline Lucas von den britischen Grünen erinnert in der Experten-Runde zuletzt daran, dass Europa sich einst mit Bomben überzogen habe. Die EU sichere den Frieden.

+++ Britischer Finanzdienstleister will Pfund-Geschäfte am Donnerstag aussetzen +++

Der britische Finanzdienstleister Transferwise will aufgrund der Spannungen um das Brexit-Referendum seine Pfund-Geschäfte am Donnerstag aussetzen, wie "Financial-Times"-Korrespondent Simon Mundy via Twitter mitteilt. Demnach können am besagten Tag ab 7 Uhr Ortszeit keine Überweisungen einer ausländischen Währung in die britische getätigt werden. Ab 18 Uhr sind auch umgekehrt keine Überweisungen mehr möglich, alle Aufträge, die erst nach 20 Uhr eintreffen, würden automatisch gelöscht. Der Kurznachricht zufolge sollen die Aufträge wieder angenommen werden, sobald die Ergebnisse der Brexit-Abstimmung vorhanden sind.

+++ BBC-Debatte: Ex-Sainsbury's-Chef verteidigt EU-Zuwanderung +++

In der Arena kommen auch externe Experten zu Wort – wenn auch nur kurz. Einer ist der frühere frühere Sainsbury’s-Chef Justin King. Er sagt: Es arbeiten mehr Menschen in diesem Land als jemals. Über 80 Prozent der Migranten arbeiten und tragen zu unserer Wirtschaftskraft bei.“ Der Einzelhandels-Manager verteidigt damit die Freiheit, sich in der EU das Land auszusuchen, in dem man arbeiten möchte.

+++ BBC-Debatte: Es geht ums Eingemachte – die Zuwanderung +++

Erste Frage zur Immigration: Wie soll das Gesundheitssystem ohne Zuwanderer aufrecht erhalten werden? Johnson sagt als erstes, er gratuliere den Zuwanderern zu dem, was sie geleistet hätten. Aber Großbritannien müsse qualifizierte Zuwanderer abweisen, weil so viele Menschen aus der EU unkontrolliert einreisen könnten. Er wiederholt seine Forderung, ein Punktesystem nach australischem Vorbild einzuführen. Geschickter Schachzug: Johnson schafft es, nicht ausländerfeindlich rüberzukommen.

Khan sagt: „EU-Migranten arbeiten im Gesundheitswesen: danke Ihnen. EU-Immigranten arbeiten auf Baustellen und Schulen: danke Ihnen.“ Der Londoner Bürgermeister greift Johnson direkt an: „Ihr Projekt ist nicht Projekt Angst, es ist Projekt Hass.“ Der Hintergrund: Das Brexit-Lager verhöhnt die Pro-EU-Kampagne als „Projekt Angst“ – wegen ihrer Warnung vor schädlichen Folgen. Er wirft Johnson erneut Lügen vor: „Boris, Sie lügen. Sie ängstigen die Menschen mit der Behauptung, die Türkei werde der EU beitreten. Sie sollten sich schämen.“ Die Türkei werde erst im Jahr 3000 die Voraussetzungen erfüllen – das wisse Johnson.

Klar ist: Die EU-Befürworter wollen den ehemaligen Bürgermeister und wichtigsten Brexit-Kämpfer Johnson demontieren – doch der hält sich bislang wacker, unterstützt von vielen im Publikum. Der Moderator ruft das Publikum bereits zur Mäßigung auf.
Energieministerin Andrea Leadsom hält für das Brexit-Lager dagegen: Eine Million Menschen aus der Türkei wollten kommen. Und ihr als Mutter gehe es um Sicherheit – Großbritannien müsse bekannte Kriminelle aus anderen EU-Staaten ins Land lassen. „Es gibt brillante Ärzte in Asien und Südamerika. Doch die können wir nicht reinlassen, wegen der EU-Zuwanderer“, sagt die Politikern – die ein wenig zu oft betont, dass sie als Mutter auf der Bühne stehe.

Auf der Seite der EU-Befürworter übernimmt Gewerkschafterin O'Grady die emotionale Rolle: Migranten seien Sündenböcke für Fehler der Regierung. Nicht sie hätten die Krise herbeigeführt, sondern „gierige Banker“. Jetzt die Gretchenfrage: Wie viele Immigranten kann das UK vertragen im Jahr? Labour-Mitglied Gisela Stuart sagt: Unkontrollierte Zuwanderung funktioniert nicht –eine Zahl nennt sie aber nicht. Aber: Es sei schon jetzt schwierig, einen Platz an der Wunschschule zu finden und ein gutes Krankenhaus. Ein Argument, das wir aus der Schweiz kennen: Dort sprachen die Befürworter von strengeren Zuwanderungsregeln für Europäer von „Dichtestress“.

Und auch O’Grady drückt sich davor einer Zahl. Sie sagt aber, EU-Immigranten könnten heimgeschickt werden, wenn sie innerhalb eines halben Jahres keinen Job fänden. 110.000 EU-Immigranten arbeiteten im Gesundheitssystem, 150.000 an Schulen.
Bürgermeister Khan wird persönlich: „Warum verweigern wir jungen Menschen die Chance, die wir hatten.“ Kein Wunder: Seine Familie ist einst selbst zugewandert. Seine Großeltern kamen 1947 aus Pakistan.

+++ BBC-Debatte: Lüge, Lüge, Lüge +++

Jetzt geht es um das Szenario nach einem Ausstieg. Die Brexit-Gegner behaupten, es gebe keine Sicherheit, was mit Freihandelsabkommen geschehe. 500.000 Jobs allein in London hingen an der EU, sagt Bürgermeister Khan. Vorgänger Johnson hält dagegen: Großbritannien könne allein bessere Verträge aushandeln als die EU, die nicht einmal mit China und Indien ein Freihandelsabkommen ausgehandelt habe. Aber auch die Konservative Davidsson ist auf Zack: „Boris, kannst Du uns ein Land nennen, das zugesichert hat, uns einen besseren Deal zu machen als der EU?“ Das Anti-Brexit-Lager schießt sich auf den charismatischen Ex-Bürgermeister Johnson ein: Londons aktueller Bürgermeister Khan wirft ihm „eine Lüge nach der nächsten nach der nächsten vor“. Die BBC prüft die Aussagen im Hintergrund.

„Wir brauchen keine Bürokraten, deren Namen niemand kennt, um unsere Arbeiter-Rechte zu schützen“, sagt Brexit-Befürworterin Leadsom. Gewerkschafterin O’Gradi hält dagegen: Die EU garantiere Arbeiter-Rechte – die UK-Regierung aber nicht. „Wir werden zahlen – nein: Sie werden zahlen für einen Bail-out nach dem nächsten“, ruft Labour-Abgeordnete Gisela Stuart und warnt vor dem „gescheiterten Euro“. Khan spricht dagegen von Rechten „für Moms and Dads“, die die EU sichere.

Gleich geht es um die Zuwanderung. Es dürfte also kontrovers weitergehen – denn darauf fokussiert sich die Diskussion zuletzt. Ein gerade hart umstrittenes Plakat der nationalistischen UKIP-Partei zeigt Flüchtlinge an der EU-Außengrenze mit dem Slogan „Breaking-Point“.

+++ BBC-Debatte: Es startet mit der Wirtschaft +++

Es geht gleich mit der Ökonomie los. Eine Kleinunternehmerin fragt nach den Brexit-Folgen. Ruth Davidson warnt vor möglichen Zöllen – und Johnson nimmt den Ball dankbar auf. Allein schon die deutsche Autoindustrie werde Zölle zu verhindern wollen. Zudem würden die wenigsten UK-Unternehmen überhaupt exportieren. Selbst James Dyson, der Marktführer bei Staubsaugern in Deutschland, spreche sich für den Austritt aus. Der Unternehmer ist in Großbritannien sehr populär – und Johnsons Frisur, sein Markenzeichen, sieht diesen Abend aus, als sei sie ebenfalls in einen Staubsauger geraten.

Khan wirft Johnson vor, dessen eigener Berater warne vor ökonomischen Folgen. Bevor es zu aggressiv wird, gibt Leadsom die besorgte Mutter: Die Brexit-Befürworterin führt ihre Kinder ins Feld, die sie vor dem gescheiterten Projekt Europa schützen wolle. Ihre Kollegin Stuart unterstellt den Brexit-Gegnern dunkle Absichten: Dahinter stünden diejenigen Konzerne, die ich Lobbyisten in Brüssel leisten könnten – anders als kleine Mittelständler. Die EU habe die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa verursacht – und halte die Löhne niedrig.

Die Debatte läuft eine gute Viertelstunde – und erinnert bereits eher einem schnellen Boxkampf – inklusiver emotionaler Reaktionen aus dem Publikum. Die Argumente fliegen unglaublich schnell hin und her. Ruth Davidsson hält Johnson alte Zitate vor – der lässt den Angriff lächelnd abprallen: Das EU-Lager beginne gleich schon mit Angriffen. Und wirft Khan selbst ein Zitat an den Kopf: Der habe gesagt, die Einwanderung senke die Löhne. Und Khan warnt vor einer Rezession bei einem Brexit.

+++ Fanmeile in Belfast: Verlieren ist kein Grund, nicht zu feiern +++

Mit einem Tor Rückstand in der Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft gegen Deutschland verloren zu haben, ist für die Nordiren kein Grund Trübsal zu blasen. Schließlich, so erklärt auch der Kommentator an der Fanmeile in Belfast, auf der tausende Fans zusammen feiern, haben die gegen den amtierenden Weltmeister verloren.

Bereits im Vorfeld waren viele Nordiren skeptisch, ob es möglich sei, gegen Deutschland zu gewinnen. Viele erhofften sich ein null zu null, dann wären beide weitergekommen. Doch alleine die Teilnahme an der Europameisterschaft ist für die Iren bereits einen Erfolg. Es ist das erste größere Turnier für die Mannschaft seit rund 30 Jahren. Und so ziehen die Fans von der Fanmeile trotzdem glücklich Richtung Innenstadt. Sie singen und sind ausgelassen. Partystimmung. In diesem Moment ist von einem drohenden Brexit nichts zu spüren.

+++ BBC-Debatte: Die Eröffnungsstatements sind stark +++

Die Debatte beginnt direkt nach der Daily-Soap „Easterenders“.
„Die wichtigste Entscheidung dieser Generation“, sagt Moderator David Dimbleby. Leave hat die Auslosung für das erste Wort gewonnen. Gisela Stuart, Labour-Abgeordnete: „Fragen Sie sich nur eins: Wenn Sie noch nicht in der EU wären, würden Sie beitreten?“ Die EU ist von einem Traum zu einem Albtraum geworden. „Der einzige Kontinent mit einer niedrigeren Wachstumsrate als die EU ist die Antarktis.“ Großbritannien könne die Kontrolle über sein Land zurückbekommen.

Den Gegenstandpunkt vertritt Sadiq Khan. Für den Londoner Bürgermeister ein Heimspiel: Remain sei eine patriotische Entscheidung: mehr Sicherheit, höhere Löhne, sicherere Jobs. „Wir sind stärker, sicherer und besser dran in Europa.“ Es gebe kein Zurück, ruft er nachdrücklich – und bekommt viel Applaus in der Arena.

+++ Countdown zur Mega-Debatte +++

Morgen ist der letzte Tag für die beiden Brexit-Kampagnen. Doch der Show-Höhepunkt beginnt schon um 20 Uhr Ortszeit (21 Uhr in Deutschland): eine BBC-Debatte in der Wembley-Arena vor 20 000 Menschen. Der öffentlich-rechtliche Sender vermarktet das Event als das größte seiner Art jemals in Großbritannien. Kurz nach dem wenig aufregenden Fußallspiel Nordirland gegen Deutschland (0:1) verspricht das Treffen Krawall. Denn von Mäßigung ist wenig zu sehen, nachdem die Kampagnen wieder Fahrt aufnehmen. Ein ehemaliger Berater und sogenannter Freund von Premierminister David Cameron, Steve Hilton, hat zugeschlagen: Der Politiker habe intern schon vor seiner Wahl zugegeben, dass sein Versprechen, die Zuwanderung zu begrenzen, wegen der Freizügigkeit nicht zu halten sei. Downing Street reagierte schwach: Die Aussage tauche in keinen Protokollen auf. Im Radiointerview legte er heute nach: Natürlich werde Cameron das nicht zugeben. Kurz vor dem Referendum erscheint die Glaubwürdigkeit des wichtigsten Stay-Protagonisten erschüttert – und Politikberater Hilton weiß genau, was er tut.

Das Team für den Brexit: der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson, die Labour-Abgeordnete Gisela Stuart und Energieministerin Andrea Leadsom. Gegen den Brexit sollen argumentieren: der aktuelle Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, die Chefin der schottischen Konservativen Ruth Davidson und Gewerkschaftschef Frances O'Grady.

Also: Erdnüsse liegen bereit für eine Polit-Show sondergleichen. Für das Handelsblatt kommentiert Christoph Kapalschinski live am Bildschirm das Geschehen – aus Schottlands Hauptstadt Edinburgh.

+++ Yellen warnt vor Befürchtungen +++

US-Notenbankchefin Janet Yellen wendet sich gegen übertriebene Befürchtungen vor einem Brexit. Eine Entscheidung der Briten für einen Ausstieg aus der EU würde die USA wahrscheinlich nicht in die Rezession stürzen, sagt sie vor einem Kongressausschuss. Dennoch könnte es deutliche wirtschaftliche Auswirkungen geben.

+++ Kein Spiel auf Zeit mit der EU +++

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hat die Briten eindringlich vor den Folgen eines Austritts aus der Europäischen Union gewarnt. „Wer geht, geht“, sagte der SPD-Politiker dem „Tagesspiegel“ (Mittwoch). Nach den Worten von Schulz kann der führende Austrittsbefürworter Boris Johnson nicht darauf spekulieren, „nach einem Brexit auf Zeit zu spielen und eine möglichst gute Vereinbarung mit den EU-Partnern herauszuhandeln“. Die Briten stimmen am Donnerstag über die weitere Mitgliedschaft ihres Landes in der EU ab.

+++ Stimmung im sozialen Netzwerk Twitter deutet auf Verbleib in der EU +++

Die Stimmung unter den Twitter-Nutzern spricht für einen Verbleib Großbritanniens in der EU. Mit 62 Prozent überwogen zwischen dem 14. Juni um 10 Uhr und dem 21. Juni um 10 Uhr die Kurznachrichten, die sich gegen einen Brexit aussprechen. Das ergab eine Auswertung der Twitter-Daten durch das SSIX-Projekt, einem Forschungsvorhaben, an dem das Handelsblatt Research Institute mitwirkt. Die Social-Sentiment-Analyse durch das SSIX-Konsortium aus Wissenschaftlern und IT-Experten aus sechs europäischen Staaten zeigt, dass die Anzahl der englischsprachigen Tweets zum Thema Brexit steigt. Die Tendenz der Twitter-Nutzer zum Verbleib in der EU ist über diesen Zeitraum hinweg stabil, unterliegt also nur geringen Schwankungen. Das deutet nach Ansicht der Forscher darauf hin, dass auch für die verbleibenden Tage bis zum Referendum keine großen Veränderungen mehr zu erwarten sind.

+++ Cameron appelliert, an Kinder und Enkel zu denken +++

Premierminister David Cameron hat zwei Tage vor dem Referendum die Briten gewarnt, ein Austritt werde der Wirtschaft schaden und Arbeitsplätze gefährden. "Europa ist nicht perfekt", räumte der konservative Regierungschef in einem leidenschaftlichen Plädoyer vor seinem Amtssitz ein. Doch müssten seine Mitbürger "an die Hoffnungen und Träume" ihrer Kinder und Enkel denken: "Wenn wir für den Austritt stimmen, dann war es das (...) wir werden Europa verlassen, und die nächste Generation muss mit den Konsequenzen leben".

++++ Cryan sieht Referendum gelassen entgegen +++

Die Deutsche Bank sieht sich gerüstet für mögliche Turbulenzen im Zuge des britischen EU-Referendums in dieser Woche. „Die Tage rund um das Referendum werden für die Kapitalmärkte ein Härtetest. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass wir uns bei der Deutschen Bank gut darauf vorbereitet haben“, sagte Vorstandschef John Cryan am Dienstag in Berlin auf dem Wirtschaftstag des CDU-Wirtschaftsrates. „Und ich habe großes Vertrauen, dass auch die Notenbanken die Stabilität der Märkte genau im Blick haben.“

Unterdessen werben die Sparkassen auf Facebook um den Verbleib der Briten in der EU:

++++Leichter Vorsprung für EU-Anhänger +++

Der Vorsprung des Pro-EU-Lagers ist laut einer Umfrage des Instituts Survation hauchdünn: Demnach liegen die EU-Befürworter mit 45 Prozent nur einen Prozentpunkt vor den Anhängern eines Ausstiegs. In einer Umfrage des Instituts ORB für den "Daily Telegraph" legten die EU-Anhänger auf 53 Prozent zu, während ihre Kontrahenten auf 46 Prozent fielen. Auch das Sozial-Institut NatCen sah die Brexit-Gegner mit 53 Prozent vor den Austritts-Befürwortern mit 47 Prozent. Dagegen sprachen sich in einer YouGov-Umfrage für die "Times" 44 Prozent für den Brexit aus und 42 Prozent dagegen. In den Wettbüros lagen die Quoten für einen EU-Verbleib bei 75 Prozent, nachdem sie noch am Montag die 80-Prozent-Marke geknackt hatten. Mehr zu den Umfragen.

+++ Leave-Befürworterin bei Lidl +++

Beim deutschen Discounter kauft Jaquelin Law gern ein, billig sei das und gut. Und als Sozialarbeiterin, die einen autistischen Menschen betreut, gehe es ihr finanziell auch nicht so gut. Aber warum will die 47-Jährige denn für den Brexit stimmen am Donnerstag? "Wir brauchen die EU nicht. Und wir hatten auch vor dem EU-Beitritt eine starke Wirtschaft", sagt die Dame mit dem brünetten Pferdeschwanz in Clacton-on-Sea . Dort ist sie gekommen, um den Anführer der Ukip-Party, Englands größtem EU-Hasser Nigel Farage, zuzuwinken, der hier für den Brexit wirbt.

Ob die deutschen Discounter denn auf der Insel blieben, wenn Farages "Leave"-Kampagne gewinnt? "Lidl und Aldi bleiben doch auch, wenn wir austreten", ist die Sozialarbeiterin überzeugt und schwenkt ihr "Vote to leave the EU"-Schild. "Die wollen bei uns verdienen", meint sie. "Und wenn sie ihre Läden schließen, kaufe ich eben wieder in britischen Geschäften ein." Unser Autor Mathias Brüggmann berichtet von Farages Auftritt in Clacton.

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