Economist-Kolumnist Jeremy Cliffe
„Wenn die Briten typisch britisch bleiben, wird alles gut“

Das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ hat den Begriff „Brexit“ erfunden – fast jedenfalls. Kolumnist Jeremy Cliffe spricht über die Stimmung im gespaltenen Land, wachsende Euroskepsis und die Folgen eines Ausscheidens.

LondonDeutschland, Europa und die Welt – alles redet vom „Brexit“. Bereits im Juni 2012 gebrauchte das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ den Begriff in leicht abgewandelter Form als „Brixit“. Dabei handelte es sich um einen Eintrag im Blog „Bagehot‘s notebook“. Schon damals wurden in dem Artikel die Risiken für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union in den nächsten Jahren so hoch wie nie zuvor eingeschätzt. „Ein Brixit bahnt sich an“, lautet der unheilvolle Titel. Jeremy Cliffe ist Bagehot-Kolumnist, 28 Jahre alt und Brite. Er denkt und fühlt sich als Europäer. Ein Gespräch über die Stimmung in einem gespaltenen Land und die Folgen eines Brexit.

Herr Cliffe, wo setzen Sie Ihr Kreuz am Donnerstag?
Ich wähle bleiben – und bin stolz darauf. Ich bin allerdings auch ein lebendes Klischee: Ich bin 28 Jahre alt, habe ein Diplom von der Uni, lebe und arbeite die Hälfte der Woche in London. Junge, gut ausgebildete Briten aus der Großstadt sind fast alle gegen einen EU-Austritt.

Warum?
Weil die Europäische Union uns nur Gutes gebracht hat. Ich kann innerhalb Europas reisen, wohin ich will – und der beste Beweis ist: Die andere Hälfte der Woche bin ich in Berlin. Aber es geht auch um bestimmte Werte. Mein Opa war Soldat im zweiten Weltkrieg. Der EU haben wir mehr als 70 Jahre Frieden zu verdanken.

Das sehen die Brexit-Befürworter anders. Viele fühlen Sie von Brüssel gegängelt, wollen wieder souveräner werden.
Mich nervt der Vorwurf, Großbritannien hätte keinen Einfluss auf dem Festland. Wenn wir uns ein bisschen mehr Mühe geben würden, relevanter zu sein, dann wären wir es auch. Großbritannien und Deutschland zum Beispiel haben viel mehr gemeinsame Interessen, als viele glauben. Nicht nur wirtschaftlich und politisch, auch kulturell.

Werden die Briten am Donnerstag für den Brexit stimmen?
Vor ein paar Wochen noch hätte ich geschätzt, dass sich 60 Prozent für den Verbleib in der EU entscheiden. Ich hätte nie gedacht, dass es ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden würde. Je mehr das Thema Einwanderung in den Vordergrund rückt, desto besser für die Brexit-Befürworter. Je mehr das Thema Wirtschaft in den Vordergrund rückt, desto besser für die Brexit-Gegner.

Finanzminister Osborne, der neben Premier Cameron aktiv für einen Verbleib in der EU wirbt, kündigte nun höhere Steuern an im Falle eines Brexit – hilft oder schadet das?
Die Regierung muss aufpassen, dass sie die Leute nicht zu offensichtlich unter Druck setzt. Aber natürlich hilft es, die Briten auf die Konsequenzen, die sie unmittelbar spüren werden, aufmerksam zu machen. Großbritannien ist ein konservatives Land. Politiker, die es mit großen Ideen und Taten versucht haben, waren nie sehr erfolgreich. Die Briten wählen in der Regel die sichere Option. Das heißt heutzutage aber nichts mehr. Wer hätte zu Beginn des US-Wahlkampfs gedacht, dass Donald Trump Präsidentschaftskandidat der Republikaner wird?

Welchen Einfluss könnte das tödliche Attentat auf die Labour-Abgeordnete Jo Cox haben? Auch wenn noch niemand weiß, ob es eine politisch motivierte Tat war.
Die Briten sind über die vergangenen Jahre als Gesellschaft immer euroskeptischer geworden. Aber in den vergangenen Wochen ist Hetze und Propaganda dazugekommen. Das ist nicht nur unbritisch, sondern auch extrem gefährlich. Ich hoffe, dass sich die Stimmung jetzt wieder beruhigt, obwohl die Hintergründe des Attentats noch ungeklärt sind.

Was passiert, wenn der Brexit kommt?
Dann wird David Cameron höchstwahrscheinlich am Freitagmorgen in der 10 Downing Street vor die Kameras treten und seinen Rücktritt als Premierminister verkünden. Vielleicht bleibt er noch eine Weile, bis ein neuer Parteivorsitzender kommt – Boris Johnson hätte gute Chancen. Das Pfund wird stark unter Druck geraten. Mark Carney, der Chef der Bank of England, wird die Märkte beruhigen müssen mit einem Statement. Aber ich bleibe optimistisch, dass es nicht soweit kommt.

Was lässt Sie hoffen?
Viele Briten sind gespalten, hin und her gerissen zwischen Kopf und Herz. Aber solange die Briten typisch britisch bleiben, wird alles gut.

Herr Cliffe, vielen Dank für das Interview.

Kirsten Ludowig
Kirsten Ludowig
Handelsblatt / Stellvertretende Ressortleiterin Unternehmen & Märkte
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