China
Kohle bleibt tödlich, dreckig – und notwendig

Viele der 16 000 Bergwerke in China verstoßen gegen Sicherheits- und Umweltauflagen. Die Kohlegruben im Reich der Mitte zählen zu den tödlichsten der Welt. Trotzdem läuft die Förderung auf Hochtouren, denn China deckt den Großteil seines Energiebedarfs mit dem Rohstoff.
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PEKING. Das schwerste Grubenunglück in China seit zwei Jahren, bei dem mindestens 104 Kumpel umgekommen sind, ist für Peking ein schwerer Rückschlag. Zum einen bringt die Tragödie ins Bewusstsein zurück, dass China zwei Drittel seines Energiebedarfs mit Kohle abdeckt. Zum anderen zeigt das Unglück, wie schwer es für die Regierung ist, die für die Rohstoffsicherung so wichtige Branche zu konsolidieren und umweltfreundlich zu modernisieren.

Denn das Unglück in Heilongjiang nahe der russischen Grenze ereignete sich nicht in einem illegalen Betrieb, sondern in einer der großen Staatsminen, die in der Regel gut ausgerüstet sind. Nicht nur kleine Minen also, die noch immer 80 Prozent der 16 000 Bergwerke in China ausmachen, verstoßen im Reich gegen Sicherheits- und Umweltauflagen. Nach Aussage der Behörde für Arbeitsssicherheit gab es in Heilongjiang schwere Fehler. So seien zu viele Kumpel nach unten geschickt worden, "um den Ausstoß zu erhöhen", sagte ein Offizieller. Die Manager seien entlassen worden.

Seit 2005 droht Peking Strafen und Schließungen an, wenn Bergwerke nicht die Auflagen für Sicherheit und Umwelt erfüllen. Zum Teil wurde in den Kohleprovinzen konsequent durchgegriffen. 2008 mussten 1 000 kleine, meist private und oft illegale Minen schließen. So ist die Zahl der Grubentoten in den vergangenen Jahren nach offiziellen Angaben um die Hälfte gesunken.

Dennoch sind Chinas Kohlegruben die tödlichsten der Welt: Im vergangenen Jahr starben rund 3 200 Kumpel unter Tage, in den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren es 1 175. Denn wie in der staatlichen Mine von Heilongjiang, wird überall auf vollen Touren die Kohle aus der Erde geholt.

China braucht einfach gigantische Mengen an Energie, um weiter ein Wirtschaftswachstum von mindestens acht Prozent zu erreichen. Und 81 Prozent der - meist ineffizienten - Kraftwerke nutzen noch immer Kohle. Die in China installierte Kraftwerksleistung von heute 800 Gigawatt wird sich nach Schätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) bis 2 030 auf 1 250 Gigawatt erhöhen. Fast jede Woche geht dafür ein neues Kraftwerk ans Netz. Das sind keine Dreckschleuder mehr wie einst, doch meist fehlt auch den neuen Anlagen ein Filter gegen den Ausstoß des globalen Klimakillers Kohlendioxyd. China ist vor den USA inzwischen nicht nur der größte Kohleproduzent, sondern auch der größte Luftverschmutzer durch Kohlendioxyd. Ein Thema, das beim Klimagipfel in Kopenhagen ganz oben auf der Agenda steht. Doch sowohl die USA als auch China haben klargemacht, dass sie kaum festen Grenzen für den CO2-Ausstoß zustimmen werden.

China möchte die Luft dagegen durch den Einsatz von mehr Technologie und anderen Energieträgern verbessern. So plant es die größte Solaranlage der Welt, und überall im Land drehen sich schon heute Windräder. Zudem setzt Peking verstärkt auf Kernenergie und treibt Projekte wie die zur Kohleverflüssigung voran. Die Experten sind sich dennoch einig, dass sich Chinas Energiemix noch für Jahrzehnte vor allem auf eine Quelle stützen wird - auf die Kohleminen. Heilongjiang macht so vor allem eines deutlich: Chinas Abhängigkeit von der Kohle.

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