Denkmal-Streit
Verärgertes Estland lädt Gerhard Schröder aus

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder ist wegen seiner kritischen Äußerungen zum Denkmal-Streit in Estland nicht willkommen: Der Aufsichtsratschef der Ostsee-Gaspipeline-Gesellschaft ist von der Regierung in Tallinn kurzerhand ausgeladen worden, weil er sich wiedermal auf die Seite der Russen geschlagen hatte.

TALLINN. Ein ursprünglich für den heutigen Dienstag geplantes Treffen zwischen Schröder und dem estnischen Regierungschef Andrus Ansip wurde von estnischer Seite abgesagt. Schröder wollte in seiner Funktion als Aufsichtsratschef des Gas-Pipeline-Joint Ventures Nord Stream mit der estnischen Regierung über eine Änderung des Streckenverlaufs der Ostsee-Pipeline durch die estnische Wirtschaftszone verhandeln.

Offiziell erklärte ein Sprecher des Regierungschefs, dass zeitliche Gründe für die Absage des Treffens verantwortlich gewesen seien. Doch wie das Handelsblatt aus Regierungskreisen in Tallinn erfuhr, ist der eigentliche Grund die Kritik Schröders an dem Abbau des sowjetischen Soldaten-Denkmals in Tallinn vor anderthalb Wochen, der zu gewalttätigen Protesten zumeist russischer Jugendlicher geführt hatte.

„Es ist stil- und pietätlos, wie in Estland mit dem Gedenken an junge russische Soldaten umgegangen wird, die ihr Leben im Kampf gegen den Faschismus verloren haben“, hatte Schröder gesagt. Die Äußerungen des Ex-Kanzlers, der heute als Aufsichtsratschef des Joint Ventures des russischen Gas-Riesen Gazprom und der deutschen Unternehmen Eon und Wintershall arbeitet, waren in Estland mit Bestürzung aufgenommen worden. Von Schröder war zu der Ausladung kein Kommentar zu erhalten, da er sich am Montag zu Gesprächen in Finnland aufhielt.

Die Absage des Treffens mit Schröder könnte den Bau der 1 200 Kilometer langen Ostsee-Gaspipeline weiter verzögern. Schon jetzt kämpft das Konsortium mit großem Widerstand vor allem aus Finnland und Schweden, wo Umweltbedenken angeführt werden. Erst Anfang April hatte Nord Stream aus Rücksicht auf die Bedenken einen alternativen Streckenverlauf vorgeschlagen, der die Pipeline teilweise durch die estnische Wirtschaftszone führen soll. Allerdings bevorzugt Estland bislang eine über Land geführte Pipeline, die auch die Versorgung des eigenen Gas-Bedarfs sicherstellen könnte.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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