Der Fokus für Investitionen fehlt
Die Blüte des neuen Valley

Der Börsengang von Google soll neue Dollar ins High-Tech-Tal schwemmen. Dort fließen Milch und Honig seit Jahren nur noch verdünnt. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB SAN JOSÉ. Ben, der schwarze Taxifahrer mit dem zerknitterten Gesicht unter der speckigen Schiebermütze, steuert seinen Chevy kalifornisch-gelassen durch die fast leeren Straßen von San José, der größten und ältesten Stadt im Silicon Valley. Groß ist hier, südlich von San Francisco, alles, alt fast nichts mehr: „Die haben alles abgerissen“, nuschelt Ben, „selbst die Bäume sind neu.“ Moderne Bürogebäude, neue Straßen, nur in den Resten alter zweistöckiger Zeilen warten ein paar leere Läden mit blinden Scheiben auf den Abriss. „Es wird immer noch wie verrückt gebaut“, sagt Ben, „dabei stehen schon Bürohäuser leer.“ Die Hotels haben dagegen gut zu tun, vor allem die mit Zimmersuiten: „Da wohnen Inder und Chinesen, die verdienen weniger und arbeiten länger“, sagt der Taxifahrer, „und wenn sie zurückgehen in ihre Länder, nehmen sie die Arbeit mit.“ Von unten gesehen, fließen Milch und Honig im High-Tech-Tal inzwischen stark verdünnt.

In Mountain View, einem Kaff nur ein paar Kilometer nördlich von San José, lebt die Google Inc. noch in einer anderen Welt. In einer Welt, die man auf der Landkarte vergeblich sucht, einem Tal, das kein wirkliches Tal ist, aber als Keimzelle der amerikanischen IT-Industrie gilt. In dieser Region, die während des Börsenbooms vor Jahren Tag für Tag neue Millionäre gebar, gab das Management der weltweit führenden Internet-Suchmaschine jetzt einen Emissionskurs wie zu besten Boom-Zeiten bekannt. Nach wochenlanger Geheimniskrämerei liegt der angepeilte Ausgabekurs mit bis zu 135 Dollar pro Aktie weit über den Notierungen etablierter High-Tech-Firmen. Er gäbe dem erst sechs Jahre alten Unternehmen einen Marktwert, der um die Hälfte höher läge als jener von General Motors.

Als Google Ende April die Börsenpläne erstmals öffentlich machte, hofften Investoren auf den Anbruch einer neuen Blütezeit im Valley. Ausgelöst durch das IPO einer Firma, die inzwischen genauso wie einst Yahoo, Amazon oder Ebay schon als Vorbild einer ganzen Epoche beschrieben wird.

Stattdessen aber kommt die Emission nun in einer Phase akuter Schwäche bei High-Tech-Werten. Internet-Aktien büßten jüngst trotz guter Ergebnisse ein Fünftel oder mehr ihres Wertes ein. Craig Barrett, der Chef von Intel, sagte unlängst, dass im Zuge einer globalen Angleichung der Lebensstandard in den USA sinken könnte, während er in anderen Ländern steigt. Die High-Tech-Branche sieht diese Probleme auch, aber für ihre Vertreter ist Optimismus ein natürlicher Reflex.

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