Der italienische EU-Wettbewerbskommissar hat in Brüssel Wirtschaftsgeschichte geschrieben
Die sanfte Gewalt des Mario Monti

Er nahm die Nachricht so, wie es seinem Temperament entspricht – gelassen. „Ich werde eine angemessene Beschäftigung finden“, sagte EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti, nachdem die italienische Regierung sein Arbeitsverhältnis in Brüssel gekündigt hatte.

BRÜSSEL. Um seine kränkelnde Koalitionsregierung zu retten, nominierte Premierminister Silvio Berlusconi als nächsten italienischen EU-Kommissar nun doch den Christdemokraten Rocco Buttiglione. Der parteilose Monti wird also demnächst arbeitslos. Doch sicher nur für kurze Zeit. Der Wirtschaftsprofessor aus Mailand gilt als einer des profiliertesten Akteure auf der Brüsseler Bühne.

Schon kursieren in Europas Hauptstadt Optionen für eine Anschlusskarriere: Monti, so heißt es, sei als neues italienisches Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank im Gespräch. Das wäre eine angemessene Alternative für einen, der an Mailands Elite-Universität Bocconi Geldtheorie gelehrt hat. Auch die Wirtschaft scheint um den hoch gewachsenen Norditaliener zu buhlen. Wie in Wettbewerbskreisen zu hören ist, könnte Monti bei der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs als Senior-Berater jederzeit einen Schreibtisch besetzen.

Das Wissen, das Monti in den fünf Jahren als oberster europäischer Kartellwächter gesammelt hat, ist Gold wert. Ob Fusionsrecht, Beihilfekontrolle oder Kartellgesetzgebung: Der Mann mit der sanften Stimme und dem leisen Humor hat europäische Wirtschaftsgeschichte geschrieben.

Spektakulär liest sich die Liste seiner Entscheidungen. Monti hat den öffentlichen Bankensektor in Deutschland neu geordnet und das verkrustete Vertriebssystem im Automobilbau modernisiert. Den Hunger französischer Konzerne nach staatlichen Finanzspritzen hat er ebenso erfolgreich bekämpft wie die wettbewerbsfeindlichen Quersubventionen der Deutschen Post oder die Kartellabsprachen namhafter Vitaminhersteller. Die Geldbußen, die Monti verhängt hat, erreichten oft die dreistellige Millionenhöhe. Zuletzt traf es den Software- Riesen Microsoft mit einer Summe von 497 Mill. Euro.

Wer das Fehlverhalten anderer so rigoros ahndet, muss sich selbst um ein makelloses Image bemühen. Doch nicht alle Entscheidungen der Monti-Behörde sind unumstritten. Dreimal hob das Europäische Gericht erster Instanz Fusionsverbote aus Brüssel wieder auf. Monti musste daraufhin seinen Apparat umbauen. Die selbstherrlich agierende Task Force Fusionskontrolle wurde entmachtet. Kritiker werfen Monti und seinen Mitarbeitern vor, das Wettbewerbsrecht stets gegen die Großen und Erfolgreichen auszulegen, gegen jene also, die sich am Markt durchgesetzt haben.

In den USA stieß vor allem das Verbot der Fusion von General Electric und Honeywell im Jahr 2001 auf Unverständnis. Dabei war es der damalige GE-Chef Jack Welch selbst, der mit hemdsärmeliger Attitüde alle Sympathien in Brüssel verspielte. Noch heute kursiert die Anekdote von der ersten Begegnung zwischen Welch und Monti. Der Amerikaner begrüßte seinen Verhandlungspartner gleich mit einem lockeren „Hi Mario“. „Mr. Monti is o.k.“, kam die trockene Replik. Spätestens von diesem Moment an stand es schlecht um das Projekt GE/Honeywell.

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