Der Mord an Theo van Gogh macht Einwanderern bis heute das Leben schwer
Frostiges Klima im Polderland

In den Niederlanden beginnt am Montag der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder des Filmemachers und Islamkritikers Theo van Gogh. Gegenüber Einwanderern herrscht seit der Tat ein eisiges Klima.

HB. DEN HAAG. Die niederländische Gesellschaft, die lange Zeit als besonders tolerant galt, hat sich verändert. Seit den Morden an dem populistischen Politiker Pim Fortuyn im Jahr 2002 und dem Filmemacher Theo van Gogh im vergangenen Herbst habe sich der Wind gedreht, sagen die Verantwortlichen. Zum Prozessauftakt heute gegen den mutmaßlichen Mörder van Goghs wurden die Sicherheitsmaßnahmen in Amsterdam verschärft. Die Angst vor Anschlägen aus der Islamisten-Szene ist groß.

Des Mordes angeklagt ist der 26 Jahre alte Mohammed B. Dem Niederländer marokkanischer Herkunft wird zur Last gelegt, van Gogh am 2. Dezember in Amsterdam auf offener Straße getötet zu haben. Er hatte der Staatsanwaltschaft zufolge erklärt, er glaube, mit seiner Tat den Willen Allahs zu erfüllen. Außerdem habe er gehofft, durch die Hände der Polizei als Märtyrer zu sterben.

Van Gogh hatte in seinem Film „Submission“ die Unterdrückung der Frauen im Islam kritisiert. Moslems bezeichnete er gerne als „Ziegenficker“. Dafür wollte Mohammed B. den Filmemacher „bestrafen“ und löste eine Welle von Gewalt aus. Moscheen und Kirchen brannten. „Die Menschen haben Angst, und die Toleranz gegenüber muslimischen Einwanderern sinkt“, sagt der Soziologe Meinert Fennema vom Institut für Migration und ethnische Studien an der Universität Amsterdam. Die Regierung in Den Haag musste sich plötzlich der Frage stellen, wie sie mit Extremisten umgehen soll, die zum Heiligen Krieg aufrufen.

Die Leidtragenden sind vor allem die neuen Einwanderer. Als Antwort auf die Gewalt verschärfte die Regierung die Anforderungen an die Neulinge. Seit einigen Monaten müssen Einwanderungswillige einen Integrationstest in ihrem Heimatland absolvieren. In der niederländischen Botschaft werden Sprachkenntnisse und Allgemeinwissen getestet. Nur ab einer bestimmten Punktzahl ist die Ausreise in die Niederlande erlaubt. Jetzt überlegt die Regierung, am Ende der obligatorischen Sprachkurse eine Prüfung einzuführen. Nur wer besteht, dürfte dann bleiben.

Auch im Aushängeschild dieser Integrationspolitik, dem Mondriaan-Zentrum im Herzen Den Haags, sind die Veränderungen zu spüren. Bezahlt vom Staat lernen hier jedes Jahr rund 6000 Einwanderer aus mehr als 60 Ländern die Sprache und gesellschaftliche Regeln. Die Ausstattung ist luxuriös: Über 300 Computer stehen den Schülern zur Verfügung. In Einzelstunden wird ihre Aussprache verbessert. Freiwillige machen mit ihnen Ausflüge zum Meer oder begleiten sie ins Kino.

Das Mondriaan-Zentrum rechnet im kommenden Jahr mit wesentlich weniger Schülern, weil die Bedingungen strenger geworden sind. Zudem werden die Mittel gekürzt. Für den Soziologen Fennema sind das aber die falschen Ansätze im Kampf gegen den Extremismus. Eher lächerlich wirke der neueste Vorschlag der Regierung von Jan Peter Balkenende, meint er. Ab 2006 soll es einen Festtag geben – für Einwanderer, die die niederländische Staatsbürgerschaft bekommen haben. „Das Gefühl, niederländisch zu sein, lässt sich nicht mit einer großen Party erzwingen.“

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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