Der Nahe Osten in Aufruhr
Die Sehnsucht nach dem Despoten

Kämpfe in Libyen, Vormarsch der IS-Miliz im Irak und in Syrien: Der Nahe Osten brennt. Und schon erscheinen Ex-Despoten wie Saddam Hussein als kleineres Übel. Manche träumen schon vom „virtuosen Autokraten“.
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Der Traum von der Demokratie scheint in der arabischen Welt vorerst ausgeträumt. Im Irak ist die radikale IS-Islamistenmiliz dabei, ein Kalifat zu errichten, in Ägypten regiert nach dem Militärherrscher Mubarak und einem kurzen Intermezzo des Muslimbruders Mursi nun wieder das Militär.

An der Spitze steht ein autokratischer Herrscher: General al-Sisi, der rigoros gegen Kritiker vorgeht und die Opposition massiv unterdrückt. In Syrien herrscht seit mehr als drei Jahren Bürgerkrieg, auch Libyen erlebt die schlimmste Gewaltwelle seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi.

Kommt jetzt das Comeback der Diktatoren? Angesichts der gewaltsamen Auswüchse im Irak, dem Chaos in Libyen und Syrien sowie der Militärdiktatur in Ägypten mögen Mubarak, Gaddafi und Saddam manchem stabilitätsorientierten Zyniker fast als die kleineren Übel erscheinen.

„Nicht alle Autokraten sind schlecht", schrieb auch der US-Publizist Robert Kaplan schon im Jahr 2011 über den Arabischen Frühling und formulierte selbst den Wunsch nach dem „virtuosen Autokraten“. Ein arabisches Phänomen ist diese Regime-Nostalgie nicht: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es im Ostblock und in der DDR ebenfalls eine ähnliche posthume Verklärung der Diktaturen.

Der irakische Autor Najem Wali und sein libanesischer Kollege und Politikwissenschaftler Abdel Mottaleb El Husseini benutzen unabhängig voneinander den gleichen Ausdruck, um die Situation in der arabischen Welt zu beschreiben: Chaos oder Diktatur – das sei nicht die Wahl zwischen dem größeren oder kleineren Übel, sondern zwischen Pest und Cholera. Beides sind todbringende Krankheiten. Beide Krankheiten breiten sich dort leicht aus, wo Gewalt, Not und Armut herrschen.

Kommentare zu " Der Nahe Osten in Aufruhr: Die Sehnsucht nach dem Despoten"

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  • Also ich sehe das so. Interessant ist doch mal, wer eigentlich entscheidet wer ein "Despot" ,Diktator ist und wer nicht ! Wer hat hier die Deutungshoheit ?
    Ein Volk befreit sich in aller Regel immer selbst von einem Diktator, wenn dieser es zu "dolle" treibt. Dazu braucht es keine "eingriffe" von außen.

  • Putin ist ein genialer Macher. Das begeistert mich. Erlässt sich nicht einschüchtern u. Angst kennt er nicht. Aus diesem Holz sind die wahren Machthaber geschnitzt. Er wird sich erfolgreich das zurückholen, was geschichtlich zusammen gehört. Chapeau!

  • Selbstverständlich ging es der Mehrzahl der Iraker unter Hussein besser als heute. Für Lybien gilt das Gleiche.

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