Die Fans demonstrieren vor dem Gericht
Russlands Edelhäftling vor dem Richter

Der Prozess gegen den ehemaligen Yukos-Chef Michail Chodorkowskij beginnt unter sonderbaren Umständen: Vergeblich bittet der Oligarch um Haftentlassung. Und seine Mutter weint.

HB MOSKAU. Raus, nur raus hier. Boris Chodorkowskij bahnt sich schwer atmend einen Weg durch die Menschenmenge im engen Korridor des Meschanskij-Stadtteil-Gerichts von Moskau. Die Zigarette dreht er dabei nervös in den Fingern. Schweiß rinnt von seiner hohen Stirn. Dann zieht er hinter dem schrankhohen Metalldetektor seine schwarze Lederjacke aus, steht da vor dem Wachmann mit besticktem, offenem, weißem Hemd und fängt an zu rauchen.

Es ist der erste Tag der Hauptverhandlung gegen seinen Sohn, Michail Chodorkowskij, den früheren Chef des Yukos-Ölkonzerns. Der einst reichste Mann des Landes wurde vor acht Monaten verhaftet, der Vorwurf lautet auf Steuerhinterziehung, Bandenbildung und Urkundenfälschung. Doch vieles spricht dafür, dass Chodorkowskij jetzt vor allem deshalb vor dem Richter sitzt, weil er im Kreml und vor allem bei Präsident Wladimir Putin schlicht in Ungnade gefallen ist.

Für die Familie ist das kleine Amtsgericht eine Chance: Erstmals darf der Vater ganz nah zu seinem Sohn. Vorher konnten er und seine Frau Marina ihrem Sprössling allenfalls zuwinken, wenn er, abgeschirmt von schwer bewaffneten Polizisten, zu Befragungen ins Gericht geführt wurde. „Wir durften ihn nicht einmal durchs Gitter berühren“, zieht Vater Chodorkowskij verärgert an seiner Zigarette. Der Junior kommt im hellbraunen Mantel und mit Plastiktüte in der freien Hand, mit Handschelle an der anderen an einen Wachmann gekettet. Er muss mit seinem langjährigen Partner Platon Lebedew in einem schwarzen Gitterkäfig links im etwa 20 Meter langen Gerichtssaal sitzen. Bewacht von zwölf schwer bewaffneten Männern der Spezialeinheit des russischen Justizministeriums.

Wie es ihm geht? „Bestens“, höhnt der Vater.

Feuchte Augen belegen, wie sehr Vater Chodorkowskij das Verfahren mitnimmt. Er hat mit seiner Frau jahrzehntelang in einem Moskauer Konstruktionsbüro gearbeitet, ehe er erst spät in der Firma seines Sohnes anheuerte, der es inzwischen zum reichsten Mann Russlands gebracht hatte – geschätztes Privatvermögen 15 Milliarden Dollar. Wie es ihm gehe, wiederholt er die Frage einer Moskauer Radioreporterin: „Bestens natürlich“, ruft er höhnisch. Als sich die drei Richterinnen am Ende des ersten Verhandlungstages zur Beratung zurückziehen, um zu entscheiden, ob Chodorkowskij und Lebedew auf Kaution freikommen, können die stark mitgenommen wirkenden Eltern wenigstens ein paar Worte mit ihrem Knaben wechseln. Später verweigert das Gericht die Haftentlassung: Flucht- und Verdunkelungsgefahr.

Chodorkowskij junior hat das Verfahren ruhig und diszipliniert in seinem Angeklagten-Käfig verfolgt, lächelnd hat er den Eltern Mut zu machen versucht. Oder aber er streckte den Kopf zu Kompagnon Lebedew herüber. Sie haben getuschelt. Lebedew, der bereits seit Anfang Juli in U-Haft sitzt, ist grau und wirkt krank. Zweimal will er eine Prozessunterbrechung, weil er kaum noch Luft bekomme. Doch das wird ebenso abgelehnt wie sein Wunsch nach Freilassung auf Kaution. „Der ist gesund, schauen Sie ihn sich doch an“, ruft der unsicher wirkende Ankläger Dmitrij Schochin zynisch in den Saal, in dem mehr Anwälte und Journalisten als Zuschauer sitzen.

Draußen, auf dem grau blätternden und mit Bohrlöchern übersäten Gang des Gerichts, drängeln weitere Prozessbeobachter um Einlass. Doch sechs schwer bewaffnete Kämpfer der Spezialeinheit halten den Ansturm zurück. Immer wieder schreit ein Gerichtsdiener: „Gang frei machen, jetzt kommen Mörder, Vergewaltiger und Drogenhändler, und die Polizei duldet nicht, dass sie in Kontakt mit anderen kommen."

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